BASTARD ASS ( I ) FROM HELL
von Florian Schiel
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T e i l 12 |
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B.A.f.H.
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Ich brüte gerade mal wieder über meinem modifizierten sendmail Programm. Eigentlich soll es eintreffende
emails nach bestimmten Schlüsselwörtern scannen, und wenn es welche findet, die mails an zufällig
ausgewählte User weiterleiten. Was aber immer noch nicht hinhaut, ist der Zufallsgenerator. Die Liste der
Schlüsselwörter ist dagegen schon lange fertig. Unter vielen anderen enthält sie die Wörter
'Liebe', 'Sex' (natürlich!), 'Domina', 'S&M', 'Leder', 'grüne Männchen', 'Kohl' und 'Broccoli'.
Während ich noch mit dem Compiler ringe, höre ich, wie sich auf dem Gang lautes Keuchen und schleppende
Schritte nähern. Bevor ich noch die Schutzschilde hochfahren kann, ist es auch schon zu spät: Kollege
Rinzling steht... äh... hängt in meiner Tür. Resigniert starte ich das Aufnahme-Programm in meiner
Workstation und drehe mich um. Kollege Rinzling bedenkt mich mit einem langen tieftraurigen Blick, der irgendwie gar nicht zu seinem frischen,
rosigen Gesicht passen will, und schiebt seinen wohlgenährten untersetzten Corpus vollends in mein Büro.
Erschöpft keuchend lehnt er sich an mein IKEA-Regal, das bedrohlich schwankt.
Overture: 'Vanitas vanitatum et omnia vanitas' (moderato ma non piano) "Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich letzte Nacht wieder durchgemacht habe. Wirklich, lange kann ich das nicht mehr ertragen, wissen Sie. Es ist einfach zuviel, zuviel für mich. Was für ein Leben ist das, frage ich Sie. Kollege Rinzling läßt den letzten Ton dramatisch ein paar Takte ausschweben und schaut mich erwartungsvoll an. Wir warten beide ein, zwei Sekunden, bis der freundliche Applaus abschwillt. Dann gebe ich den Einsatz:
1. Satz: 'Auf morschen Säulen wankt die Welt!', (adagio non troppo) "Ach! Sie können sich das gar nicht vorstellen, Leisch, aber sobald ich mich hinlege, schwellen meine Fußgelenke dermaßen an, daß ich mich vor Schmerzen winden muß. Von dem entzündeten Nagelbett ganz zu schweigen. An Schlaf ist gar nicht mehr zu denken. Und wenn ich die Beine hochlege, wie es mein Hausarzt empfiehlt, werden sie mit der Zeit ganz dunkelblau und eiskalt. Heute morgen konnte ich beinahe nicht mehr aufstehen, so schwach waren meine Füße!" Wieder geben wir dem ergriffenen Publikum kurz Gelegenheit, seiner Bewunderung Ausdruck zu geben. Dann greift Kollege Rinzling das Thema wieder auf, im 2. Satz: 'Oh Leib, vergehe in Schmerzen!', (largo extremo piano)
Kollege Rinzling senkt seine Stimme zu einem fast unhörbarem Flüstern.
Das Auditorium, obwohl schon etwas mitgenommen, honoriert auch diesen Satz mit verhaltenem Beifall. Allerdings
kann man nicht ganz verhehlen, daß Kollege Rinzling diesmal den Einsatz der Blase nicht so ganz gut gebracht
hat, wie sonst. Auch der Übergang von Thema der Beine zu den Nieren war nicht einwandfrei. 3. Satz und Finale: 'Des Odems letzter Hauch' (allegro bombastico, fortissimo et furioso)
Nach diesem letzten Paukenschlag ist es todesstill. Kollege Rinzling hängt nach Atem ringend am Podium,
sprich meinem IKEA-Regal. Dann bricht der frenetische Applaus los. Kollege Rinzling hat im letzten Satz alles wieder wettgemacht. Mit zitternden Fingern führt er seinen Dirigentenstab, sprich Zigarillo zum Mund und inhaliert einen tiefen befreienden Zug. Aus seiner linken Jackentasche fischt er sein Herztonikum - mit 60 % Alkohol - und stärkt sich nach dieser künstlerischen Leistung mit einem Stamperl. Dann schlurft er weiter durch die Flure - ein Künstler auf der Suche nach neuem Publikum... Ich stoppe die Aufnahme und schicke das komprimierte Soundfile per FTP hinüber zu den Kollegen von der medizinischen Fakultät, Abteilung für galoppierende Hypochondrie. Die sind immer ganz begeistert von Rinzlings Aufführungen. Was sie sonst mühsam aus den Patienten herausquetschen müssen, liefert Rinzling fast täglich frei Haus. Im Gegenzug bekomme ich von den Docs Blanko-Krankschreibungen und ab und zu Einsicht in die Personaldateien der Schwesternschülerinnen. Ohne Vorwarnung stürzt Marianne in mein Zimmer. Ihre Augen funkeln wütend und sie schwingt drohend ihren Posaunenkasten.
"Oh, äh... ja richtig: wir hatten heute morgen das komische Problem, daß der Sendmail-Daemon sich geweigert hat, deine mails zu verarbeiten. Ähm, um den Fehler einzukreisen, habe ich ein paar Tests gemacht. Kann sein, daß ich dabei..." "ICH GLAUBE DIR KEIN WORT MEHR", kreischt Marianne hysterisch. Warum müssen sich Frauen immer so leicht erregen?
Ich weiche in letzter Sekunde dem Posaunenkasten aus und manövriere mich in eine strategisch günstigere Position hinter meinem Schreibtisch.
"Woher soll ich das wissen?!" schnauzt sie mich an. "Ich merke es ja erst, wenn die Leute mit dem Finger auf mich zeigen..." "Ich meinte ja nur, daß wir die mail vielleicht noch entfernen können, bevor die meisten sie lesen", rufe ich geduckt, in Erwartung des ultimativen Posaunenstoßes. Nichts passiert. Ich luge vorsichtig um die Ecke des Schreibtischs.
Erleichtert setze ich mich an meine Workstation. Erstschlag erfolgreich abgewehrt. Die Schirme haben gehalten.
Photonentorpedos bereit.
Marianne schaut mich mißtrauisch an und ihr zorniges Gesicht überzieht sich erneut mit Purpur.
"Viel zu häufig", schüttele ich den Kopf. "Dann 'Lieber'", schlägt Marianne trotzig vor. "Auch zu häufig. Fast alle Mails beginnen mit 'Lieber Herr Soundso'..." "Verdammt!" tobt Marianne. "Dann nimm 'liebe'!" "Groß oder klein geschrieben?" "Klein!" zischt es zwischen Mariannes zusammengebissenen Zähnen. Ich grepe rasch alle System-Mailboxen nach 'liebe' und der einzeilige und eindeutige Text von Mariannes mail erscheint siebenmal auf dem Display. Ich lösche rasch alle gemeldeten mails und sage:
Einen Moment lang befürchte ich, daß ich den Bogen überspannt habe. Später ändere ich vorübergehend das sendmail Programm, damit Marianne in den nächsten paar Wochen nicht mehr allzu häufig drankommt.
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