von Florian Schiel
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Ich sitze im Büro und stöbere gelangweilt in der neuen Telefon-CD
herum. Frau Bezelmann ist nicht eingetragen, wie ich gerade
festgestellt habe; wahrscheinlich ist ihre Privatnummer supergeheim. Nachdem ich die üblichen Bekannten und die ganze Verwandtschaft abgeklappert habe, beginne ich nach orginelleren Namen zu suchen. Es ist kaum zu glauben aber es gibt tatsächlich (wenn man dem Postverlag glauben darf) zwei 'Rosa Flieder', eine 'Genevieve Bierdimpfl' und einem 'Gerhard Möse'.Wahre Helden des Alltags!
'Adolf Hitler' finde ich zwar keinen, aber dafür immerhin drei Leute,
die immer noch diesen Namen führen. Zu meinem Entzücken entdecke
ich auch einen Herrn 'Stalin', allerdings nur einen. Ist der Rest seiner
Familie ausgewandert?
Ist es nicht eigenartig, daß wir häufig von ganz berühmten Namen
annehmen, daß diese einzigartig, gewissermaßen nur für diese
Berühmtheit reserviert sind? Wir sprechen ja dann auch von 'der
Bardot' oder sagen 'der Hitler'. Wenn wir zufällig erfahren, daß auch
die Gemüsefrau an der Ecke ' Gisela Bardot' heißt, sind wir in
irgendeiner Weise erstmal geschockt.
Ich tippe noch ein paar Namen ein. Tatsächlich: es gibt mehrere
'Monroes' und einen 'Klaus Gable' in Deutschland. 'Lenin' und 'Mao'
finde ich nicht, dafür gibt es die 'Preslys' auch bei uns und
'Honneckers' in Massen.
Das neue Telefon flötet, aber ich beachte es nicht.
Frau Bezelmann hat nach wochenlangen Kampf mit der Institutsleitung
durchgesetzt, daß unsere altgediente Telefonanlage (Orginal Siemens
Anno 1939 mit Maschinengewehr-Sound) durch eine hypermoderne
ISDN-Anlage ersetzt wird.
Die üblichen Kinkerlitzchen wie Direktdurchwahl,
Konferenzschaltung, Ansagetexte und frei programmierbare
Pausenmelodien sind schon Schnee von gestern. Interessant wird es
zum Beispiel bei der Voice-Mail. Nicht nur, daß die Telefonanlage
Nachrichten für jede Nebenstelle, sprich Mitarbeiter, speichern kann,
diese sind natürlich auch von außen abrufbar. Und wenn ein
Mitarbeiter sich einmal weigern sollte, seine Mailbox abzufragen? Dann
ruft die Telefonanlage automatisch zu einem festgelegten Zeitpunkt die
Privatnummer des Mitarbeiters an und gibt die Nachrichten durch.
Den Zeitpunkt legt Frau Bezelmann höchstpersönlich fest. Beim Chef
ist es zum Beispiel so gegen drei Uhr morgens. Seitdem überprüft
sogar der Chef regelmäßig seine Voice-Mail.
Damit nicht genug. Zu den 'Features' der neuen Anlage gehört es auch,
daß man im Display erkennen kann, wer da versucht anzurufen. Um
wirklich wichtige Gespräche trotzdem an den Mann zu bekommen,
kann Frau Bezelmann diese Anzeigen allerdings manipulieren, bevor
sie ein Gespräch weiterleitet. Kollege O., der dafür bekannt ist, ab 12
Uhr keine Telefongespräche mehr anzunehmen, würde es niemals
wagen, ein Gespräch seiner Göttergattin nicht abzuheben. Folglich
erhält er in letzter Zeit immer häufiger Anrufe unter dieser Nummer.
Natürlich ist es auch lästig, wenn Frau Bezelmann ein Gespräch nicht
durchstellen kann, weil sich der jeweilige Mitarbeiter nicht in seinem
Zimmer befindet. Dafür gibt es die praktischen Chip-Namensschilder,
die der Telefonanlage zu jeder Zeit mitteilen, wo sich der arme Träger
desselben gerade aufhält. Frau Bezelmann braucht nur seine Nummer
einzutippen, die Anlage errechnet automatisch, welches Telefon dem
Mitarbeiter gerade am nächsten ist und leitet das Gespräch dorthin um.
Und sollte er sich einmal auf einem gewissen Örtchen befinden, an dem
der normale Bürger normalerweise nicht erreichbar sein möchte, so hat
Frau Bezelmann auch für diesen Fall Vorsorge getroffen: seit neuestem
hängen links und rechts der Pissoirs an verchromten Ketten zwei
niedliche kleine Funktelefone, im Design passend zur Farbe der
Fliesen.
Wenn alle Stricke reissen, kann Frau Bezelmann auch noch eine
schriftliche Nachricht an das Telefon des Mitarbeiters schicken. Diese
erscheint dann als durchlaufender Text im Display des Telefons. Frau
Bezelmann verwendet dieses letzte Mittel meistens nur, um besonders
hartnäckigen Telefonagnostikern (wie mir) auf die Sprünge zu helfen.
Wenn man sich es genau überlegt, sind wir von Star Trek gar nicht
mehr so weit entfernt, nicht wahr?
Glücklicherweise wurde die Software der Anlage von Dilettanten
programmiert, zumindest was die Sicherheitsmaßnahmen angeht. Es
war nicht besonders schwer, ein paar Subroutinen so zu modifizieren,
daß die Anlage nach dem Zufallssystem Nebenstellen anruft, wenn
Frau Bezelmann versucht, an meine Nummer weiterzuverbinden.
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