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Auf dem Gang krächzt es heiser. Ein schlechtes Zeichen!
Wenn Frau Bezelmann ihren Raben Nero mitschleppt, heißt das, daß sie
nicht nur mal eben für kleine Mädchen geht. Es heißt, daß sie in offizieller
Mission unterwegs ist, am Ende sogar im Auftrag des Chefs. Offizielle
Mission - das riecht nach Ärger, oder schlimmer: nach Arbeit.
Im nächsten Moment steht sie auch schon im Türrahmen. Typisch, daß sie
bei mir anfängt! In der linken Hand trägt sie einen Teller, DEN Teller.
Nero sitzt auf ihrer linken Schulter festgekrallt und betrachtet mich
höhnisch aus seinen kleinen gelben Knopfaugen. Jedesmal, wenn mich
dieses gerupfte Rabenvieh anstarrt, sehe ich in seinem Blick die
unendliche Verachtung der geflügelten Kreatur über uns lächerliche
Erdenwürmer.
Dann denke ich ganz schnell an meinen rabensicheren Kühlschrank
zuhause, damit ich keine Depressionen bekomme.
Frau Bezelmann erläutert mit zusammengepreßten Lippen, daß sie für
einen Blumenstrauß sammele; für den Kollegen J., der momentan im
Krankenhaus liegt.
Frau Bezelmann betont das Wort 'Blumenstrauß' ungefähr wie
'thalasianisches Höhlenstinktier'. Frau Bezelmann hat für solche
läppischen Sentimentalitäten nicht viel übrig, genauer gesagt, überhaupt
gar nichts.
Wenn es wenigstens ein Kaktus, eine hübsche Carnivore oder wenigstens
eine gescheite Distel gewesen wäre! Das Sekretariat ist inzwischen voll
davon; manche schnappen, wenn man zu dicht dran vorbeigeht.
Besonders beliebt bei den Mitarbeitern ist auch der 'Post-Kaktus': Frau
Bezelmann pflegt die Post nicht mehr in die Fächer zu verteilen, sondern
piekt sie auf einen riesigen Säulenkaktus in der Ecke des Sekretariats. Je
unbeliebter man im Sekretariat ist, desto tiefer im Stachelgewirr muß man
seine Post suchen. Fairerweise muß ich hinzufügen, daß Jodtinktur und
Verbandsmaterial immer bereitliegen.
Frau Bezelmann hält mir also DEN Teller hin; ihre andere Hand hält sie
hinter dem Rücken verborgen. Die herabgezogenen Mundwinkel irritieren
mich; normalerweise ist das ein gefährliches Zeichen.
"Was haben Sie da eigentlich hinter Ihrem Rücken?" frage ich vorsichtig.
Ihre Mundwinkel zucken ganz leicht.
"Etwas, was die Spendenfreudigkeit der Mitarbeiter sichern soll", sagt sie
bissig, und Nero krächzt beifällig.
Ich zahle anstandslos meinen Obulus - schließlich weiß ich vom
Herumstöbern in ihren Mails, daß Frau Bezelmann seit neuestem Mitglied
im feministischen Schützenverein 'Pink Ladykillers' ist. Und im
Sekretariat lagen in letzter Zeit öfters Waffenkataloge herum...
Wenig später kracht es weiter hinten im Korridor - offensichtlich hat ein
geiziger Mitarbeiter die Zeichen falsch verstanden...
Kollege J. ist übrigens nicht wegen Blinddarm oder Tonsilektomie bei den
Profi-Quacksalbern. Oh nein!
Er erholt sich von einem fast tragisch verlaufenen Lachkrampf!
Vorige Woche hatte der Chef den Kollegen J. gebeten, ein Software-Paket
für Windows 95 auf seinem Laptop zu installieren. Der Laptop des Chefs
ist der einzige Rechner am LEERstuhl, der unter Windows 95 fährt bzw.
vor sich hin torkelt.
Kollege J., von Natur aus gutmütig und hilfsbereit, ist nach vier Tagen am
Ende seiner geistigen Kräfte - und die Software läuft immer noch nicht.
Ausgerechnet zu diesem kritischen Zeitpunkt taucht ein Vertreter auf, der
uns seine neuen Industrie-PCs anpreisen will. Frau Bezelmann schickt ihn
ahnungslos zum Kollegen J. (bei mir versucht sie sowas schon gar nicht
mehr; ich lasse die Burschen gar nicht erst in mein Büro!).
Kollege J. schaut sich das Vorführmodell an, daß der Vertreter
freundlicherweise gleich mitgebracht hat, und fragt, warum das Ding
keinen Reset-Knopf habe.
Daraufhin erläutert ihm der Vertreter treuherzig, daß inzwischen die
meisten Anwender ja Windows 95 verwendeten und das sei ja sooo stabil,
daß man ja eigentlich auf den Reset-Knopf verzichten könne.
Kollege J. starrt den Mann einen Augenblick lang fassungslos an und
dann - ROTFL. Ein geradezu klassischer Fall!
(Falls jemand nicht wissen sollte, was 'ROTFL' bedeutet, soll er sich
erstens schämen und zweitens ist es die Abkürzung für 'Rolling on the
floor laughing'.)
Als Kollege J. nach drei Stunden und 27 Minuten immer noch im Zustand
ROTFL ist und kaum noch Luft bekommt, ruft Frau Bezelmann den
Notarzt.
Noch bevor dieser eintrifft, kommt mir die rettende Idee, dem Patienten
die Installationsanleitung von Win95 laut vorzulesen. Schon nach dem
ersten Absatz geht Kollege J.s lebensbedrohlicher Lachkrampf in einem
ebenso lebensbedrohlichen Weinkrampf mit suizidalen Tendenzen über.
Bevor er jedoch die nächste Steckdose erreichen und sich selbst
defibrillieren kann, kommen zum Glück die Sanitäter (Sanitöter?) und
nehmen ihn hops.
Inzwischen hören wir, daß Kollege J. auf dem Wege der Besserung ist.
Es kam noch einmal zu einem schweren Rückfall, als die Schwester in der
Aufnahmestation J.s Personalien mit einem Win95-PC erfassen wollte,
der keinen Reset-Knopf hatte. Aber inzwischen geht es ihm wieder
blendend.
Er liest viel; vor allem über UNIX und veraltete VMS-Manuals...
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