von Florian Schiel
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Es sind Semesterferien. Die Studenten aalen sich ausnahmsweise nicht
vor der Cafeteria in der Sonne, sondern in Griechenland oder in
Thailand oder wo sich die heutigen Studenten sonst in der Sonne aalen. Der Chef ist auf einer 'Vortragsreise' durch Südfrankreich; die meisten Kollegen nutzen die ruhigen Zeiten für intensive 'Heimarbeiten'.
Folglich ist mir langweilig. Nicht mal ein klitzekleines Virus im PC-
Labor! Completo pantalon muerto! Zu deutsch: total tote Hose!
Ich browse gelangweilt durch die Weiten des Internets. Irgendwie
stoße ich zufällig auf die Home Page eines Jazz Fanatikers in
Albuquerque mit Hunderten - natürlich illegaler - Soundsamples. In der
Seite über Chick Korea befindet sich - ich traue meinen Augen nicht -
ein Link zur Scientology Sekte. Ich klicke mich gerade durch die
einleitenden Seiten der Scientologen, als Frau Bezelmann anruft.
Ob ich Nero für eine Stunde bei mir im Büro beherbergen könne. Sie
müsse zum Arzt. Da ich sowieso nichts Besseres zu tun habe, erkläre
ich mich bereit, den Monsterraben solange in meinem Zimmer zu
dulden, vorausgesetzt, er ist sicher in seinem goldenen Käfig verwahrt.
Schließlich habe ich keine Vorurteile gegen kahle Raben mit gelben
Augen, auch wenn sie - wie Nero - ein wenig nach Moder und Gruft
müffeln.
Keine Minute später bringt Frau Bezelmann persönlich den Käfig
herein. Ich stelle ihn meinem Schreibtisch gegenüber an die Wand, so
daß Nero mir nicht über die Schulter schauen kann (man kann nie
wissen), und sage zu Frau Bezelmann:
Frau Bezelmann preßt nur verächtlich die schmalen Lippen zusammen und verschwindet mit laut klackenden Absätzen den Flur hinunter.
Ich schaue den Raben Nero an, und der Rabe Nero schaut mich an.
Auf dem Display ist immer noch die Begrüßungsseite der Scientology
Sekte in Deutschland. Einer der Links verspricht ein 'umfassendes
Psychogramm nach der Oxford-Methode'. Natürlich völlig
unverbindlich und kostenfrei. Selbst ein blutiger Anfänger erkennt
sofort, daß es sich um eine Bauernfängerei handelt. Vorname: Nero Nachname: Bezelmann Telefon: (Nach kurzem Zögern gebe ich meine Büronummer ein) Adresse: (Ich gebe die Adresse des Chefs ein; der ist sowieso auf Vortragsreise) Alter: 26 Geschlecht: Männlich Stand: Ledig
Jetzt beginnen die eigentlichen Fragen zum Psychogramm:
Ich mache die Antworten so ehrlich wie möglich, und wo nicht
möglich, runde ich die Sache ein wenig ab. Dann lese ich das Ganze
Nero vor und frage ihn, ob er damit einverstanden sei.
Ich füge unter der Rubrik 'Sonstiges' noch ein: 'Habe eine Glatze und
ständige Verdauungsprobleme.' und schicke das Formular an den
Rechner der Scientologen in Berlin.
Keine zwei Wochen später klingelt das Telefon, und da ich gerade
guter Laune bin, hebe ich ab.
"Hier spricht Miriam von der Dianetik-Gruppe Berlin. Wer ist da, bitte?" sagt eine energische weibliche Stimme, etwa 35, dunkelhaarig, mit leichtem Ansatz zum Oberlippenbart und Kontaktlinsen (eine genauere Analyse wird erst möglich sein, wenn sich digitales Telefonieren mehr durchgesetzt hat. Es lebe das ISDN!). "Hier bin ich", sage ich.
"Ich bin ich. Sie müssen doch wissen, wen Sie anrufen wollten." "Sind Sie Herr Bezelmann? Nero Bezelmann?" "Nein. Der ist gerade nicht in seinem Zimmer." "Ah. Wie schade. Wann..." "Ich glaube, er ist gerade mal wieder bei seinem Therapeuten." "Therapeuten?" Die weibliche Stimme klingt auf einmal sehr interessiert. "Ja. Wissen sie, Nero hält sich seit frühester Kindheit konsequent immer nur in geschlossenen Räumen auf. Er verläßt nie einen geschlossenen Raum. Deswegen ist er jetzt beim Therapeuten." "Aber... wenn er zum Therapeuten geht, muß er doch auch aus dem Haus...", wendet die weibliche Stimme ein. "Er nimmt das Auto", sage ich. "Alle Scheiben bis auf die Windschutzscheibe sind dunkel getönt." "Aber... um zum Auto zu gehen, muß er doch auf die Strasse."
"Ah..." "Genau. Nero besucht nur Häuser, die er über die Tiefgarage befahren kann. Sein eigenes Haus hat natürlich auch eine. Bei uns arbeitet er nur, weil unsere Firma auch eine Tiefgarage hat." Ich höre sogar durch die Leitung den Bleistift aufgeregt kritzeln. "Ähm... hören Sie, ich muß Nero unbedingt erreichen. Mein Name ist Miriam; ich bin von der Oxford Persönlichkeitsanalyse. Nero hat bei uns ein Profil angefordert und ich wollte noch ein paar Informationen von ihm...." "Ich kann es ihm ja ausrichten", sage ich zweifelnd, "aber ich glaube kaum, daß er zurückruft." "Äh... wieso?" "Nero kommuniziert fast ausschließich über das Internet; er haßt direkten Kontakt mit Menschen." Auf der anderen Seite der Leitung sabbert etwas begeistert. "Hören Sie, ich MUSS ihn UNBEDINGT sprechen. Ich bin sicher, daß wir ihm helfen können" "Mhm. Ich gebe Ihnen mal seine Privatnummer..." "AH! JA!"
Am nächsten Morgen klingelt um halb zehn (sic!) das Telefon. Sie ist
es wieder.
"Aber er ist da?" "Ja, da ist er. Wenn Sie damit meinen, daß er körperlich anwesend ist." "Wie bitte?" "Er ist körperlich zwar anwesend, aber nicht geistig " "Wieso?" "Nun, ich glaube, daß er noch unter dem gestrigen Schock leidet. Er hat seinen eigenen Vater in der Tiefgarage überfahren." "Ein SCHOCK?! Ich meine... wie äußert sich das denn bei ihm???"
"Ja, klar. Haben Sie zufällig einen Bukowsky-Band bei sich?" "Nein? Wieso?" "Vergessen Sie's. Also, im Moment webt er." "ER WEBT?!" "Naja, er sitzt da, starrt die Wand an und wiegt sich langsam von einer Seite zur anderen; das macht er manchmal den ganzen Tag..." "Aber... aber, das ist ja schrecklich." "Tja, ist es wohl. Normalerweise hilft ihm in so einem Zustand nur noch eine Katze." "Eine Katze", kommt es fassungslos durch die Leitung. "Richtig. Eine Katze. Oder Katzenmiauen. Sie müssen wissen, daß Nero früher mal eine Katze hatte, die er abgöttisch geliebt hat. Deshalb hilft es manchmal, wenn er Katzenmiauen hört." "Und... wo ist Neros Katze jetzt?" "Tot", sage ich lakonisch, "er hat sie aufgegessen." "WAS?!" "Auf-ge-ges-sen", wiederhole ich deutlich, "verspeist, gefressen, vertilgt, verkonsumiert, einverleibt, ..." "Hören Sie auf! Das glaube ich einfach nicht! Ich möchte jetzt Nero selber sprechen!" "Gut. Ich halte ihm den Hörer hin, ok?"
"Nein, ich bins wieder", sage ich. "Ich glaube, Nero möchte nicht mit Ihnen sprechen." "Was hat er gemacht?" "Er hat kurz aufgehört zu weben, aber jetzt hat er wieder angefangen." "Aber er muß mir zuhören. Ich habe die frohe Botschaft, die ihn für immer aus seiner Qual erlösen wird."
"WAS?!" "Ich sagte Ihnen doch, er liebt Katzen. Passen Sie auf: ich halte ihm den Hörer hin, und Sie miauen ihm was vor. Das ist die einzige Chance, seine Aufmerksamkeit zu erregen."
Ich hänge den Hörer in die Gitterstäbe und schalte den Lautsprecher ein, um ja nichts zu verpassen. Das anfangs zaghafte Miauen (unterbrochen von ein, zweimaligem Räuspern) steigert sich zum gefühlvollen Katzengesang. Nero verläßt seine goldene Lieblingsstange und hopst auf den Boden des Käfigs. Er krächzt zweimal warnend, dann geht er zum Angriff über. Der schwarze lange Schnabel trifft zielsicher aufs Mikrophon; im Lautsprecher klingt es wie ein Schuß. Das Miauen bricht ab.
"Wwwwas?!" Wahrscheinlich noch nicht lange im Geschäft. Hah!
"Sisisisim...sim...simuliert?!" "Mhm. Hat er sich aus den Film 'Harold and Maude' abgeguckt. Jetzt liegt er da vor mir auf dem Fußboden und blutet gerade echt realistisch den Teppich voll. Schöne Sauerei!." "Oh, mein Gott! Sind Sie sich auch ganz sicher, daß er simuliert? Ich meine, es klang so realistisch... der Schuß... und wie er... wie er verendet ist..." "Nein, nein. Wissen Sie, ich glaube, das war nur Neros Art, Ihnen mitzuteilen, daß er keine Lust hat, wie die ganzen anderen Vollidioten in Ihrer Sekte den lieben langen Tag am Telefon zu hängen und nach noch blöderen Vollidioten zu suchen." Es bleibt still im Telefon. Fünf ganze Sekunden herrscht Stille (ich zähle stumm mit). Dann klickt es leise.
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