von Florian Schiel
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Ich, der B.A.f.H., möchte heute den ultimativen Beweis antreten, daß
die REALITÄT jede nur denkbare FIKTION in aller Hinsicht übertrifft.
Wir befinden uns jetzt in einer kleinen, rund gebogenen Wohnstraße
einer mittelgroßen Stadt im Einzugsbereich Münchens. Nennen wir sie
vorläufig den Buchenweg (Anm. der Redaktion: sämtliche Namen
geändert!). Wir schreiten die ruhige schmale Straße entlang; links und
rechts Drahtzäune und gerade gestutzte Hecken, hinter denen sich
kleine, aber saubere Häuschen ducken. Vor den Häuschen stehen
blitzsaubere deutsche Markenautos und funkeln in der Sonne, und an
den diskreten grauen Verteilerkästen der Telekom erkennen wir, daß
diese Straße bereits erfolgreich verkabelt wurde. Natürlich kein
Durchgangsverkehr, zusätzlich verkehrsberuhigt durch Tempo Dreissig
und Recht-vor-Links. Eine ruhige, friedliche Wohngegend mit ruhigen,
friedlichen Bewohnern, die allesamt so langweilig sind, daß schon bei
Einbruch der Dämmerung getrost die Gehwege hochgeklappt werden
können.
Möchte man meinen. Man würde sich gewaltig irren!
Beginnen wir mit Paul Heimlich, der ganz hinten in der Biegung
wohnt. Paul arbeitet für den BND. Von seiner erste Frau, Hannelore,
hat er sich scheiden lassen, nachdem er sich bei einem dienstlichen
Aufenthalt in Baden Baden einen Kurschatten namens Birgit angelacht
hat. Außerdem kann er zu diesem Zeitpunkt schon mit dem ersten
außerehelichen Kind aufwarten - allerdings wieder von einer anderen,
deren Name mittlererweile in der Nachbarschaft verschollen ist.
Im Nachbarhaus lebt Katrin, die von ihrem Mann schon vor Jahren
sitzengelassen wurde. Zum Glück für Katrin war ihr Verflossener
Industrieller und hat - im Gegensatz zu Paul - vergessen, bei der
Eheschließung Gütertrennung zu beantragen. Katrin lebt jahrzehntelang
ganz gut von ihren Anteil am saftigen Braten. Nur vergißt sie leider
öfters die Handbremse anzuziehen, und ihr teurer BMW rollt dann
rückwärts quer über die abfallende Straße und rammt zum Ärgernis der
Nachbarschaft die schmiedeeisernen Tore der gegenüberliegenden
Grundstücke. Natürlich bestreitet Katrin jedesmal, daß es ihr BMW
war, der die neue Delle produziert hat.
Zwischen den Hubers und Katrin lebt die junge Susi im Haus ihrer
Großmutter - zumindest ist das die allgemeine Auffassung. In
Wirklichkeit ist die Eigentümerschaft des Hauses seit elf Jahren
reichlich umstritten. Denn seit der Stiefgroßvater von Susi ohne
ordentliches Testament und ohne leibliche Kinder verstorben ist, sind
einige Dutzend Juristen auf der ganzen Welt, im wesentlichen jedoch in
Lateinamerika, auf der Suche nach weiteren möglichen Erben.
Alfreds Treiben ist wiederum Frau Huber von schräg gegenüber ein
dauerndes Ärgernis. Frau Huber verfügt über ein bis zum Äußersten
entwickeltes Sicherheitsbewußtsein. Ihr Gartentor ist immer
abgeschlossen, seit ein paar Häuser weiter unten harmlose Insassen
eines Pflegeheims einquartiert wurden. Gegen diese 'Irren' müsse man
sich schützen. Jawohl! Sonst stehen die eines Tages plötzlich im
Vorgarten, nicht wahr? Auf den Friedhof geht Frau Huber auch nur
noch in Begleitung, seitdem dort einmal ein Mann auf einer Bank
gesessen habe, der genau in dem Augenblick aufgestanden sei, als sie
vorüberging. Alfred hat in letzter Zeit öfters Kerzen brennen - vielleicht
fühlt er sich seit Susis Auszug einsam? Jedenfalls ist Frau Huber
sicher, daß er eines Tages das Haus anzünden wird. Deshalb steht sie
nun jeden Abend am Küchenfenster und beobachtet sicherheitshalber
die Kerzen bei Alfred gegenüber. Im Ernstfall könne sie dann sofort
Susis Familie anrufen, meint sie. Die Nachbarn setzen dagegen, daß sie
- wenn schon nicht die Feuerwehr - vielleicht besser den alten Herr
Nördlinger, den Bruder von Susis verstorbenen Stiefgroßvater
alarmieren solle, der in der anderen Doppelhaushälfte von
Susis/Alfreds Haus wohnt. Schließlich sei der doch etwas
unmittelbarer betroffen, wenn das Haus abbrennt.
Übrigens, der alte Nördlinger. Der hat in seinem Leben auch nichts
anbrennen lassen. Er hat hintereinander seine Frau und zwei
Freundinnen überlebt. Pikanterweise dauert es nach der Beerdigung der
zuletzt Verflossenen immer nur ein paar Tage bis die nächste auf der
Matte steht. Inzwischen ist er 86, aber immer noch rüstig und streitbar.
Nachbar Obermann interessiert sich nur wenig für all diese turbulenten
Ereignisse. Er hat sich vor kurzem einen alten Kindheitstraum erfüllt
und einen gebrauchten Traktor erstanden. Da er das kostbare Stück auf
gar keinen Fall einfach so auf der Straße herumstehen lassen kann,
schmückt das schön grün lackierte Ungetüm jetzt seinen Vorgarten.
Auch der junge Biederheimer, dessen Grundstück hinten an das von
Obermanns grenzt, hat eine Investition fürs Leben getätigt - wenn auch
in ganz anderer Richtung: Er hat sich eine Asiatin als Frau eingekauft,
und seitdem wuseln zunehmend immer mehr kleine Halbasiaten durch
den Buchenweg.
Und so geht es weiter und immer weiter: Durch herabgelassene
Jalousien, durch Lücken in den hohen Hecken, durch Schlüssellöcher
werden neue Entwicklungen aufmerksam beobachtet und über Zäune
hinweg gründlich erörtert. Es brodelt und kocht, es brummt und
zischelt im Buchenweg. Wozu brauchen wir noch die Lindenstraße im
Fernsehen? Wozu überhaupt Fernsehen? Man schaue doch nur mal
über den eigenen Gartenzaun!
Und wer sich jetzt souverän zurücklehnt und lächelnd meint, das sei
jetzt mal wieder nur der typischen überhitzten Phantasie des B.A.f.H. Das Leben um uns herum ist ein einziges riesiges Kabarett; man muß nur darauf achten !
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