B.A.f.H. 38 |
Ich sitze in meinem Büro und beobachte zähneknirschend, wie sich der
Minutenzeiger auf die volle Stunde zu bewegt. Elf Uhr: Zeit für die
Studienberatung. Widerstrebend lege ich den Hörer auf die Gabel zurück.
Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen. Die anderen haben mich glatt
überrumpelt. Letzte Woche beim Kaffeetrinken sagt der Kollege O.
plötzlich mit einem Seitenblick auf mich:
"Wir müssen ja noch auswürfeln, wer dieses Semester die
Studienberatung macht."
Und bevor ich noch Piep sagen, geschweige denn die Spezialwürfel aus
meinem Büro holen kann, hat er schon ein paar Würfel herausgezogen.
Eine Zwei und eine Drei! Schon im ersten Durchgang glatt verloren. Die
hämischen Gesichter, das schadenfrohe Grinsen, Frau Bezelmanns
herabgezogene Mundwinkel! So was darf einem BAFH nicht passieren!
Wo bleibt mein schlechter Ruf?
Wäre ich Klingone, würde ich jetzt sagen, ich wäre entehrt und der Name
meiner Familie in den Schmutz gezogen. Und dann würde ich mich im
schalltoten Raum einsperren und mit dem Schmerzstock geisseln.
Zum Glück bin ich pragmatischer veranlagt. Zunächst lasse ich meinen
speziellen Spell-Checker über sämtliche Textdateien des Kollegen O.
laufen. Während ich noch beobachte, wie unzählige Kommata ihren Platz
tauschen, klingelt das Telefon.
"Hallo", sage ich.
"Ist dort die Studienberatung für das Fach ?" fragt eine
schüchterne Stimme.
Ich bestätige, daß dem so sei, und füge mit der freien Hand noch ein paar
Dutzend 'vorallem' in O.s Texte ein.
"Ähm... also... äh... es ist so, daß... ich... ich dachte, daß... ähm... also
ich weiß gar nicht, wie ich... jedenfalls wollte ich mich eigentlich
erkundigen... ähm..."
Dieser Job ödet mich an!
Um die Sache abzukürzen, sage ich:
"Sie haben gerade Ihr Abitur bestanden und möchten jetzt studieren,
wissen aber nicht was. Unser Fach klingt toll, aber Sie wissen überhaupt
nichts darüber. Also machen Sie sich Sorgen, ob es die richtige
Entscheidung ist, die Sie jetzt treffen müssen, von wegen
Berufsaussichten und so. Und dann wissen Sie ja nicht, was in so einem
Studium so alles verlangt wird, und ob Sie das überhaupt schaffen
können, und ob es Spaß macht. Außerdem sind Sie 18 Jahre alt, haben
braune Haare und schwärmen für Pferde. Und am liebsten hätten Sie es,
wenn Ihnen jemand diese Entscheidung abnehmen würde, wie es Ihre
Eltern bisher immer getan haben."
Ich höre, wie am anderen Ende der Leitung jemand nach Luft schnappt.
"Woher wissen Sie das alles?! Sind Sie Hellseher?" keucht sie.
"Ich mache den Job schon länger", erkläre ich und pflanze ein paar der
neuesten bulgarischen Viren an strategische Stellen in O.s Account.
"Aber... aber mein Alter, meine Haarfarbe..."
Soll ich ihr jetzt auch noch erklären, was angewandte Statistik ist? Das
Ganze dauert schon viel zu lange!
"Wollen Sie nun eine Antwort oder nicht?" sage ich.
"Wwwwworauf??"
"Ob Sie unser Fach studieren sollen oder nicht", erkläre ich seufzend.
"Ähm... ok."
"Lassen Sie's", sage ich und lege auf.
Ich hasse diesen Job! Kollege O. wird seine Textdateien nicht
wiedererkennen! Sicherheitshalber fahre ich einen zusätzlichen Backup-
Zyklus über seinen Account, damit die Änderungen auch auf den Bändern
zu finden sind.
Es klopft.
Ein junger schlaksiger Mann mit erstaunlich weit abstehenden Ohren und
schmalzigem Haar betritt bewaffnet mit einer Schulmappe mein Büro. Er
sei im ersten Semester und möchte sich gerne beraten lassen. Ich frage
geduldig, worum es sich handele.
"Nun, ja", sagt er unsicher, "ich verstehe nicht ganz, was ich alles als
Voraussetzung zur Diplomvorprüfung haben muß."
Oh Hölle!
"Aha", sage ich und deute einladend auf den Besuchersessel, "überhaupt
kein Problem. Haben Sie was zum Schreiben mit? Gut, also als
Zulassungsvoraussetzung zur ersten Diplomvorprüfung (ZVDVPI)
brauchen Sie zunächst einmal natürlich den großen Hauptfachschein A1
und drei Nebenfachscheine der Klasse B, wobei Sie beachten müssen, daß
jeder von den letzteren mindesten dreieinhalb Semesterwochenstunden
abdecken muß. Alternativ können Sie auch eine Studienarbeit von
mindestens zwei Monaten, aber nur von sogenannten fachrelevanten
Fächern einbringen; das erspart Ihnen einen B5 Schein, aber nur B5, klar?
Die Voraussetzung für die Anerkennung der Studienarbeit sind allerdings
entweder fünf bestandene, d.h. mit mindestens Note 4.0 benotete
Hausarbeiten im Hauptfachschein, aber nicht in borelanischer
Fluidmechanik, oder die Teilnahme am BOD-Praktikum, wobei Sie nur
die erste Hälfte erfolgreich absolviert haben müssen. Desweiteren
brauchen Sie als ZVDVPI die erfolgreiche Abnahme in einem Klasse V
Praktikum - das ist entweder den großen Verwaltungs-Management-
Schein (VMS) oder das Praktikum der Programmierung, Teil 1 (PDP11) -
oder sie bringen zwei Jahre Berufserfahrung aus einen früheren Leben -
Verzeihung, ich meine natürlich - Studium ein. Letzteres muß aber vom
FB, vom Fachbereichsrat, auf gesonderten Antrag genehmigt worden
sein. Sie können sich bei einer etwaigen Ablehnung aber auch direkt an...
Stimmt was nicht?"
"Ich... ich glaube, ich schaue mir das nochmal in Ruhe im
Vorlesungsverzeichnis an", stottert das Bürschlein.
Warte, so leicht kommst du mir nicht davon! Ich drücke ihn sanft aber
entschieden auf den Stuhl zurück und fahre fort:
"Da steht aber bei weitem nicht alles drin, was Sie wissen müssen! Passen
Sie auf: statt dem vorhin erwähnten BOD-Praktikum können Sie sich auch
einem BOD-Eignungstest unterziehen, nach dessen Bestehen Ihnen das
Praktikum erlassen wird. Anstelle des vorgeschriebenen KI-Scheins ist es
auch möglich, drei extra B3-Klassen-Scheine zu machen, sogar an
anderen Hochschulen in München, wenn Sie den Schriftführer des
Vordiplomprüfungsausschusses, kurz SdVDPA, überzeugen können, daß
Sie ein Härtefall der Stufe drei sind. Um als Härtefall anerkannt zu
werden, genügt ein einfaches, formloses Schreiben an das KuMi, zu
deutsch Kultusministerium, und zwar an den Sachbearbeiter
Grötzenweiler. Grötzenweiler, auch Gröwei genannt, ist seit Jahren
bekannt dafür, daß er die zugrunde liegenden Fakten in den an ihn
gerichteten Gesuchen nicht nachprüft. Schreiben Sie also getrost, daß Sie
seit zwei Jahren debil sind; das genügt normalerweise für einen Härtefall
der Stufe drei. Andererseits könnte es für Sie auch von Vorteil sein, wenn
Sie die SSL (Sonder-Studium-Laufbahn) einschlagen wollen. Aber für
eine SSL brauchen Sie mindesten einen Monat Vorlaufzeit, weil die
Sekretärin im Dekanat diese Anträge immer ganz unten einordnet (sie
verwechselt SSL immer mit 'sichtbarer Slip-Linie'). Ein dezenter
Blumenstrauß kann da Wunder wirken, wenn Sie es geschickt anstellen.
Das alles müssen Sie unbedingt im Hinterkopf behalten, wenn Sie Ihr
erstes PC-Gespräch haben. Wer ist eigentlich Ihr PC?"
"Wwwwas?"
"Ihr 'Persönlicher Coordinationstutor' natürlich."
"Ich... ich weiß nicht... ich glaube, ich habe gar keinen..."
Ich ziehe die Augenbrauen hinauf, soweit ich kann.
"Kein PC-Gespräch bisher? Hm, sagen Sie jetzt nicht, daß Sie gar nicht
studieren, sondern ?"
Der Bursche schluckt und nickt angestrengt. Beim Schlucken wackeln
seine knallroten Ohren.
"Ach so", sage ich und lehne mich weit zurück, "warum haben Sie das
nicht gleich gesagt. Dann schaut die Sache wieder ganz anders aus. Passen
Sie auf..."
Aber der Student ist schon auf dem Weg zur Türe.
"Ich... ich glaube, ich muß mir das mit dem Studium nochmal genau
überlegen..."
Ich nicke ernsthaft mit dem Kopf.
"Tun Sie das! Nur nichts überstürzen! Und wenn Sie noch irgendwelche
Detailfragen zum ZVDVPI haben oder einen PC brauchen, dann wenden
Sie sich vertrauensvoll wieder an mich..."
Der Bursche wird schlagartig grün im Gesicht und stürzt hinaus - in
Richtung Toilette. Soweit ich das hören kann, schafft er es nicht mehr
rechtzeitig.
'BOD' steht übrigens für 'Blöd oder Doof'.
Anmerkung der Redaktion:
Falls Sie meinen, in obig geschilderter Situation eigene oder aus dritter
Hand berichtete tatsächlich ereignete Erlebnisse wiederzuerkennen oder
glauben, daß Sie einen ziemlich ähnlichen Text in Ihrer Studienordnung
gelesen haben, so ist das vom Autor beabsichtigt und eventuell sollten Sie
mal mit Ihrer Mutter darüber reden (oder auch nicht!).
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