von Florian Schiel
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Ich mache meinen üblichen Rundgang durch die Labors und bemerke 3
(in Worten DREI) Workstations, die entgegen meiner ausdrücklichen
Anordnung nicht am unterbrechungsfreien Stromkreis angeschlossen
sind. Das verdrießt mich, weil ich (im Gegensatz zur Haustechnik) das
normale Stromnetz nicht beeinflussen kann. Den unterbrechungsfreien
Stromkreis schon, weil er von einer speziellen
Überwachungselektronik kontrolliert wird, die zufälligerweise über
eine serielle Schnittstelle mit meiner Sun gekoppelt ist.
Da ich nur ungern die Kontrolle aus der Hand gebe, beschließe ich,
unseren unbotsmäßigen Mitarbeitern den Nutzen des
unterbrechungsfreien Stromnetzes ein für alle mal deutlich zu machen.
Kaum bin ich zurück in meinem Büro - ich durchsuche gerade die
User-Mail nach interessanten Themen - klopft es zaghaft an meine Tür.
Im Türrahmen steht eine nicht unhübsche, aber mir unbekannte
Studentin und lächelt mich entschuldigend-freundlich an. In ihren
Armen, fest umklammert - wahrscheinlich damit es nicht entkommt -
hält sie ein zuckendes Stoffbündel, in dem sich offenhörlich die Quelle
des unnachahmlichen nervenzerreibenden Geräuschs befindet: ein
ziemlich rotgesichtiges und ganz offensichtlich schlecht gelauntes
Baby.
Beim Versuch, das wild um sich schlagende Baby in seinem Stoffbündel zu halten, dreht sie es zufällig so, daß sein Blick auf mich fällt. Zwei große dunkelblaue Augen starren mich an und - schlagartig verstummt der Lärm. Das Baby lacht plötzlich.
Normalerweise bitte ich Frau Bezelmann, auf sie aufzupassen, aber ich kann sie gerade nicht finden... Sie heißt übrigens Pia. Es wird keine halbe Stunde dauern, das verspreche ich, vielleicht 40 Minuten, höchstens 50. Ich bin dann sofort wieder da. Am besten lassen Sie sie die ganze Zeit in ihrem Buggy sitzen, da fühlt sie sich wohl und..."
"Aber...", sage ich - aber sie ist schon weg.
Ich starre die geschlossene Türe an. Das sollte eigentlich ein ruhiger
Tag werden. Ich wollte in aller Ruhe die User-Mail durchschauen, in
ein paar Personalakten herumstöbern und ein, zwei Beschwerdebriefe
an die RKfH verfassen. Und jetzt dies!
Ich schaue das blauäugige Baby an. Es hat die ganze rechte Hand bis
zum Unterarm in den Mund gesteckt und schaut mit seinen
dunkelblauen Augen ernsthaft zurück.
Was soll ich jetzt machen? Der 'Leitfaden für den Bastard X from Hell'
hat für diesen Fall keine Eintragung vorgesehen.
Während ich nachdenke, hat sich das Baby - Pia, wie ich es in Geiste
schon nenne - eine Meßstrippe geangelt und den Bananenstecker in den
Mund gesteckt. Die rote Gummiisolierung scheint ihr zu schmecken,
denn sie beginnt, die meterlange Strippe mit erstaunlichem Appetit in
den großen Mund zu schieben.
Ich habe die vage Idee, daß das keine adäquate Beschäftigung für
Damen in ihrem Alter ist, und gehe hinüber, um Pia die Strippe
abzunehmen.
Währenddessen verhandele ich über meine Spesenabrechnung von Honolulu. Aber ich bin nicht ganz bei der Sache, was auch der RKFH auffällt.
"Nein, alles in Ordnung", versichere ich. "Moment... ah! Jetzt hab' ich dich..."
Erleichtert ziehe ich den Stecker des Telefons aus der Wand. Dann
denke ich scharf nach, wie das Problem zu lösen sei.
In der Werkstatt leihe ich mir ein paar Lärmschützer, genannt 'Rabbit
Ears' aus und eile zurück zu meinem Büro. Vor der geschlossenen
Türe steht Marianne und lauscht mit schiefgelegtem Kopf.
Wieder im Büro schließe ich als erstes die Türe hinter mir ab. Wenn
jemand erfährt, daß ich auf ein blauäugiges Studenten-Baby aufgepaßt
habe, verliere ich meinen schlechten Ruf!
Mit den Rabbit Ears ist der Lärm unterhalb der Schmerzgrenze und ich
kann weitere Schritte unternehmen. Was mache ich sonst, wenn ich bei
einem Problem mit der Verwaltung nicht weiterkomme? Richtig!
Da ich mit der Erpressung von Babies wenig Erfahrung habe, suche ich
zunächst nach der Teeflasche für Notfälle. Nur anhand des
Gummisaugers kann ich messerscharf schließen, daß es sich bei dem
merkwürdig geformten durchsichtigen Objekt mit grell-rotem Inhalt um
die Teeflasche handeln muß. In meiner Erinnerung sahen Babyflaschen
ganz anders aus. Egal!
Vielleicht funktioniert das bei Babies anders als bei
Verwaltungsangestellten, vielleicht muß man das Bestechungsgut
zuerst aushändigen, bevor man die Ware erhält.
Leider löst sich der Gummisauger und die grell-rote Flüssigkeit ergißt
sich in mein Keyboard. Auf dem Display zuckt es und es erscheinen
einige Seiten Hieroglyphen, bevor meine Workstation das Handtuch
wirft und einen Notfall-Shutdown einleitet.
Als letzten Ausweg halte ich Pia ihr 'Dutzi' vors Gesicht. Sie greift
danach, einige gewaltige Schluck-Schluchzer, die Sirene läuft langsam
aus. Ich atme auf.
Ich beseitige gerade den teuflisch klebrigen Tee von meinem
Schreibtisch, als es klopft.
Ich öffne die Türe einen Spalt und schlüpfe hinaus.
über den... den... Dings... den... äh... Stand im SCHWAFEL-Projekt fragen. Ist da noch... ähm... Geld übrig?" "Ich hole schnell die Akte", sage ich und will wieder durch den Türspalt.
Baby?"
"Das habe ich auch nicht", beeile ich mich zu versichern. "Aber... aber das ist doch ein Baby." "Ja, natürlich", gebe ich notgedrungen zu.
"... äh... heitetei.... hrrm... ähm... heiteiteitei... äh..." von sich gibt. "Ich wußte ja gar nicht...", murmelt Kollege O. verblüfft und schüttelt mir aus irgendeinem Grunde krampfhaft die Hand. Ich wußte es ja bis vor ein paar Minuten auch nicht.
kommt es vom Chef.
"Die Kleine", sage ich erschöpft. "Sie heißt Pia."
Während immer mehr Leute hereinströmen, versuche ich vergeblich zu
erläutern, wie ich zu dem Baby gekommen bin. Komischerweise
scheint niemand auf meine Worte zu achten.
Marianne befreit sie aus dem Kleinkinderwagen auf autonom lenkbaren Zwillingsreifen und nimmt sie auf den Arm, was das Weinen noch mehr verstärkt. Ratlos blickt Marianne sich um und ihr Blick fällt auf mich.
"Das bezweifle ich", sage ich bitter eingedenk der vergangenen Stunde. Sofort packt sie mit erstaunlicher Kraft mein linkes Ohrläppchen und versucht es abzuschrauben. Gleichzeitig sabbert etwas Warmes in meinen Kragen. Pia gluckst fröhlich. Alle Anwesenden lächeln gerührt und nicken sich bestätigend zu. Es ist ein Alptraum!
Als die Studentin eine Stunde später als angekündigt Pia abholen
kommt, habe ich mich soweit wieder gefangen, daß ich sogar schon die
versaute Tastatur auswechseln kann.
"Wie ein Engel", erkläre ich sarkastisch und überblicke meinen versauten Schreibtisch.
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