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Ich rufe die Cluster-Übersicht aufs Display und betrachte mit
Befriedigung die vielen kleinen bunten Balken, die alle fleissige CPUs
in unserem Netz repräsentieren. Dann leite ich genüßlich einen totalen
Shutdown aller Maschinen ein, und ein bunter Balken nach dem
anderen wird schwarz.
Heute ist Umzugstag! Umzug bedeute Chaos! Ich liebe Chaos!
Nicht daß wir tatsächlich in ein neues Gebäude ziehen würden! Oh
nein! Schließlich hat die Uni ja bekanntlich kein Geld, und das böse,
böse KuMi (Kultusministerium) gibt uns erst recht keines!
Nein, es wurde beschlossen, daß wir hausintern umziehen, damit
wenigstens ein Bruchteil der von uns irgendwann in den Siebziger
Jahren beantragten Zusatzflächen endlich Realität annimmt. Konkret
heißt das, daß wir zwölf neue Räume im Stockwerk unter uns
bekommen, aber 10 Räume auf unserem Stockwerk wieder abgeben
müssen. Der Reingewinn ist, na...?
Genau: 2 (in Worten: ZWEI) ganze Räume mehr!
(Eingeschobene Klammer auf!
Wer glaubt, dies sei triviale Arithmetik, der irrt gewaltig! Aber holla!
Der BAfH hat es schon mehrfach erlebt, daß in besonders hitzigen
Raumplanungssitzungen sogar mit 'virtuellen Räumen' gerechnet
wurde!
Ein 'virtueller Raum' ist im Gegensatz zum 'realen Raum' ein Raum
der zwar nicht existiert, aber zum Ausgleichen von verschiedenen
Instituts-Raum-Bilanzen verwendet werden kann. (Bleibt am Ende der
Rechnung ein Rest virtueller Raum übrig, hat man einen Fehler
gemacht!)
Auch über 'imaginären Räume' wurde schon zäh verhandelt. Ein
'imaginärer Raum' ist ganz einfach die Wurzel aus einem negativen
Raum. (Wobei nachher niemand mehr so genau sagen konnte, wie es
überhaupt zu einem negativen Raum in der Bilanz kommen konnte. Die
Kollegen von der theoretischen Physik behaupteten später zwar, es
handelte sich möglicherweise um eine räumliche Quantenfluktuation, so
ähnlich wie ja auch Elektronen und Positronen jederzeit spontan
entstehen und wieder verschwinden können. Nur: die entsprechenden
positiven Pendants sind nirgendwo wieder aufgetaucht (böse Zungen
behaupten noch heute, daß die Physiker sie einfach geklaut haben!).)
Eingeschobene Klammer wieder zu!)
An einer Universität, wo jeder halbe Quadratmeter Boden - vergleichbar
den Grabenkämpfen des ersten Weltkriegs - heiß umkämpft wird, sind
zwei Räume netto mehr ein beachtlicher Etappensieg, der nur durch
zähes, jahrelanges Verhandeln mit der Uni-Verwaltung erreicht werden
kann.
Es klopft an meiner Türe, obwohl die Schutzschilde oben sind.
Folglich kann es nur der Chef persönlich sein.
"Guten... ähm... Morgen, Herr Leisch. Äh... mein Rechner ist...
hm... ganz plötzlich... ja... der Bildschirm wurde plötzlich dunkel..."
Ich erinnere den Chef höflich daran, daß wir heute umziehen und daher
das gesamte Netz heruntergefahren wird.
"Ah... ja richtig. Äh... wo...?"
Ich drücke dem Chef seinen Laufplan in die Hand, den ich vorsorglich
schon bereitgelegt hatte.
"Hier ist alles genau festgelegt", erläutere ich, "Sie können genau
sehen, wohin Ihre Möbel nacheinander transportiert werden müssen."
Der Chef studiert mit hochgeschobener Brille den Plan.
"Hmm... ja. Merkwürdig. Ich... ähm... dachte, wir hätten... äh... nur
zwölf Räume dazubekommen und... ähm... müßten 10 wieder
abgeben..."
Ich bestätige, daß dem so sei.
"Äh... ja, aber... hm... soweit ich das hier... äh... sehe, müssen
insgesamt 17 Räume 23mal umgezogen werden. Mein Büro... ähm...
sogar dreimal...?"
"Das liegt daran, daß wir keine Räume zum Zwischenlagern der Möbel
haben und außerdem komplizierte Netzbeziehungen zwischen den
einzelnen Maschinen bestehen", erkläre ich geduldig. "Zum Beispiel
muß der Router B zuerst einmal von Raum 345 nach 265 und dort
wieder in Betrieb genommen werden. Dann können die Räume 332,
333 und 334 nach 214, 215 und 219 umgeräumt werden, weil erst
dadurch das Subclusternetz Alpha umziehen kann. Dann muß der
Router B wieder zurück nach..."
"Gut, gut", unterbricht mich der Chef hastig. "Das... äh... mag ja alles
so sein. Aber... wenn ich das hier... äh... richtig verstehe, dann sind
meine Möbel zum Schluß... hm... wieder im selben Raum?"
"Der Plan ist das Ergebnis einer Computersimulation mit SIMLINK",
sage ich milde, um die Diskussion zu beenden.
"Ach so!" freut sich der Chef, und seine Stirn glättet sich schlagartig.
"SIMLINK, was? Na, dann... äh... hat das ja sicher... sicher seine...
äh... Richtigkeit, nicht?"
Daß ich die Randbedingungen für unseren automatisierten Problemlöser
SIMLINKetwas eigenwillig gestaltet habe, muß ich ja nicht extra
erwähnen. Nach der ersten Lösung, die unser neuestes KI-System
ausgespuckt hatte, wären nur 13 Transporte nötig gewesen! Eine solche
Lösung nimmt einem keiner ab! Viel zu einfach!
Ein Umzug hat chaotisch zu sein! Dafür sorge ich!
Ich rufe die Haustechnik an und gebe die letzten Anweisungen:
"Passen Sie auf: Das Backbone-Kabel, 3. Segment muß durch die
Räume 217, 218 und bis nach 222 und von dort durch die Decke nach
322 verlegt werden..."
"Aber dann führt das Kabel ja durch die Cafeteria...?"
Warum müssen die Leute immer mitdenken! Sollen sie das Denken
doch mir überlassen! Erwähnte ich schon mal, daß ich in Zukunft
Bestellungen per Netzwerk an die Cafete stellen wollte? Na, also!
Und jetzt kommt irgendein dahergelaufener Installateur und stellt meine
Planung in Frage!
"Nach unsrer Computersimulation ist das der günstigste Weg", sage
ich.
Der Mann von der Haustechnik ist nicht so leicht zu überzeugen wie der
Chef:
"Also, ich denke aber..."
"Sie haben aber gar keine Zeit mehr zum Denken", sage ich milde.
"Häh?!"
"Sie sollten lieber Ihre Zeit nutzen und noch einmal die Feuermelder
und Rauchsensoren in der Tiefgarage überprüfen. Nur damit es nicht zu
plötzlichen FEHLFUNKTIONEN kommt..."
"Fehlfunktionen? In der Tiefgarage? Oh..."
MEMORY KICKED IN!
"Oh! Ja, Sie haben sicher recht. Ich sollte mich nochmal um die...
hmm... Feuermelder kümmern... Ja, dann... äh... ist ja wohl alles
klar..."
Anscheinend ist ihm gerade noch rechtzeitig wieder eingfallen, daß er
es mit dem BAfH persönlich zu tun hat.
Ich mache mir eine kleine Vormerkung im elektronischen Kalender, daß
ich meine kleinen Feuerübungen in der Tiefgarage in Zukunft etwas
häufiger durchführen werde!
Kollege W. stürmt in mein Büro; auf seinen Wangen zeichnen sich rote
Flecken ab und sein Atem geht heftig.
"Wo ist die BS2000 hingekommen?" schreit er mit überschnappender
Stimme. Ich werfe einen Blick auf meinen Plan.
"Liegt bereits sicher verwahrt im Container PL-X1", sage ich.
"Oh... ah! Äh... gut. Und wo steht dieser Container im Moment?"
"Im Rostoff-Sammelhof."
Zehn, neun, acht, sieben, sechs,...
"WAS???"
"Die uralte Kiste fiel ja schon beim Tragen auseinander. Mein Lieber,
es gibt auch für Maschinen gewisse Lebenserwartungen. Alles, was
darüber hinaus geht, ist doch nur Maschinen-Quälerei. Wollen Sie, daß
uns der Maschinenschutzbund verklagt?"
"Wir waren 17 Jahre zusammen!" Kollege W. ist den Tränen nahe.
"Aber... aber womit soll ich denn jetzt...?"
"Sie bekommen eine wunderhübsche junge knackige Workstation mit
170 Megahertz", sage ich. "Ein Baby, das Ihnen schon nach ein paar
Tagen schlaflose Nächte bereiten wird. Reissen Sie sich zusammen,
Mann! Sie sind doch wirklich noch nicht zu alt für eine neue
Beziehung!"
Kollege W. zieht einen Schmollmund:
"Die Neue kann bestimmt kein Fortran und PL", sagt er trotzig.
"Aber natürlich kann sie das. Sie kommt mit den besten Präferenzen",
sage ich schmeichelnd und gucke wieder auf den Plan. "Sie wartet
schon auf Sie, im Raum 233. Vielleicht sollten Sie gleich mal hingehen
und Ihr Jungfern-Programm starten."
Kollege W. zieht grollend ab. Ich logge mich auf seinem neuen 'Baby'
ein und starte das Programm FREUDIANER-7. Das wird ihm helfen,
darüber wegkommen.
Warum haben wir eigentlich keinen Seelen-Klempner am Institut?
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