B.A.f.H. 42 |
Das Telefon klingelt. Schon wieder! Das ist jetzt das dritte Mal dieses
Jahr!
Ausnahmsweise gehe ich ran. Ein User, genauer gesagt eine Userin, ist
dran.
"Ähm... meine Workstation gibt komische Töne von sich", sagt sie.
Ich kenne die Stimme nicht. Offensichtlich ein Frischling.
"Tatsächlich", sage ich beeindruckt. "Was denn für Töne? Singt sie
klingonische Opern?"
"Nein, nein. Es ist eher so ein... ein tiefes Rumpeln vermischt mit
einem unregelmäßigen Leiern..."
Meiner Meinung nach klingt das ziemlich nach klingonischer Oper!
Ich frage nach dem Host-Namen und sie sagt ihn mir. Ein ziemlich
frischer Frischling!
"Aha", sage ich. "Tiefes Rumpeln, meinen Sie? Schaut mir ganz nach
einem leichten Virenbefall aus. Lassen Sie denn regelmäßig Viren-
Checker drüberlaufen? Zum Beispiel 'Sagrotan', 'Cebion' oder
'Domestos III'."
"Äh... nein. Nicht daß ich wüßte..."
"Vorbeugen ist sehr wichtig", sage ich ernst. "Schauen wir mal, wie es
mit dem Immunsysten steht. Geben Sie man den Befehl 'immun-
system' ein."
"Ähm... 'immun-system not found' meldet er..."
"Not found? Steht da wirklich 'not found'?" Ich lasse meine Stimme
dramatisch ansteigen. "Das sieht ja ganz übel aus. Warum haben Sie
nicht schon vorher angerufen..."
"Ist das was Ernstes?" flüstert sie eingeschüchtert.
"Ernstes? Hoffen wir, daß es noch nicht zu spät ist. Halten Sie mal den
Telefonhörer ganz dicht ans Gehäuse, damit ich eine hypostatisch-
akustische Ferndiagnose durchführen kann."
"Ähm... ok", nuschelt sie und es raschelt im Hörer. "Äh... das Telefon
reicht nicht bis zum Rechner..."
"Dann sollten Sie den Rechner eben zum Telefon bringen", sage ich.
Daß die Leute auch über keinen Funken logisches Denken verfügen!
"Aber... muß ich dazu nicht vorher ausschalten?"
"NEIN! Wissen Sie nicht, daß man vernetzte Rechner niemals einfach
ausschalten darf?! Das ganze homophone Accelerator-Cluster kann
desharmonisiert und retrogradient sub-stabil werden - und dann haben
wir den Salat!"
"Oh!..."
IMPRESSION MODE ON
"... ok, dann trage ich die Workstation jetzt hierher", sagt sie
eingeschüchtert.
Ich starte rasch ein paar rechenintensive Jobs auf ihrem Host, die
ständig auf die Platte zugreifen, in der Hoffnung, daß die Platte beim
Rübertragen crashed. Aber leider sind die Platten auch nicht mehr
das,was sie früher einmal waren: vor noch ein paar Jahren brauchte
man so ein Winchester-Laufwerk nur schief anblicken und schon...
zupf!
"Hallo?", meldet sie sich wieder. "Da sind so komische gelbe Kabel
hinten festgemacht. Die reichen nicht bis zum Telefon...."
"Das ist nur das Ethernet. Ziehen Sie sie einfach ab", sage ich. "Und
alle anderen Kabel können Sie auch gleich abziehen. Aber passen Sie
auf, daß das Stromkabel drin bleibt! Wir wollen doch nicht, daß Ihre
Maschine abstürzt!"
Sie macht es! Ehrlich, manchmal frage ich mich, was Eltern ihren
Sprößlingen eigentlich 18 Jahre lang beibringen!
"Der Schirm ist plötzlich dunkel geworden..."
"Das macht nichts", erläutere ich. "Außerdem erleichtert das die
hypostatisch-akustische Ferndiagnose, wenn der Schirm nicht mehr
stört. Kommt der Hörer jetzt bis ans Gehäuse? Gut. Jetzt halten Sie die
Sprechmuschel etwa drei Zentimeter unterhalb der Lüfteröffnung auf
der Rückseite fest ans Gehäuse und dann warten Sie, bis es piepst."
"Piepst?"
"Genau."
Sie macht es!!!
Ich lege den brummenden Hörer beiseite und gehe
erstmal hinunter in die Cafete.
Eine Stunde später - die Cafete macht leider schon um fünf Uhr zu -
nehme ich den Hörer wieder zur Hand sage laut "Piep!".
"Ok", sage ich. "Jetzt ist alles klar!"
Die Userin jammert über Rückenschmerzen und Krämpfe im Unterarm.
"Dafür wissen wir jetzt genau, was Ihrer Maschine fehlt", sage ich
tröstend.
"Und? Was ist kaputt?", will sie erschöpft wissen.
"Ja, hmm", sage ich zögernd und klappere mit der Tastatur, "ich weiß
nicht, wie ich es Ihnen sagen soll... Also, die genaue Diagnose heißt:
Plattenunwucht infolge sub-akuter MMDHS. Ziemlich selten, muß ich
sagen."
Ich warte geduldig auf die nächste Frage.
"Und... und was ist MMDHS?"
"MMDHS steht für 'Mensch-Maschine-DisHarmonie-Syndrom'.
Sagen Sie - jetzt mal ehrlich! - haben Sie Ihre Workstation in letzter Zeit
irgendwie... hmm... ja, mit negativen Ausdrücken bedacht?"
"Nein, bestimmt nicht!"
"GANZ SICHER NICHT? Auch keine herabmindernden Ausdrücke?
'Blöde Blechschachtel', 'Sch... Kiste', 'Ziffern-Trottel', 'Verkalkte
Rechenmühle', 'Lahme CPU'? Nichts von alledem? 'Transistor-Grab',
'Kybernetische Schnecke', 'Rostiges Rechenwerk'. Das ist nichts,
worüber Sie sich schämen müßten; das kommt in den besten
Beziehungen vor. Besser Sie sagen es mir gleich, dann ist die
Behandlung hinterher sehr viel einfacher..."
Am anderen Ende der Leitung schluchzt es leise.
"NAAA?"
"Letzte Woche habe ich sie mal - aber nur einmal - 'Debiler
Rechenschieber' genannt", schnieft sie reumütig durchs Telefon.
"Tststs. 'Rechenschieber' für eine 200 Megahertz Alpha, das ist
natürlich hammerhart", sage ich.
"Wir hatten bisher ein so gutes Verhältnis miteinander", heult sie.
"Nanana", beruhige ich, "das kriegen wir schon wieder hin. Ich lösche
einfach in sämtlichen Dateien den Begriff Rechenschieber, ok? Jetzt
müssen Sie die Maschine nur noch an ihren Platz zurücktragen und die
Kabel genau in der umgekehrten Reihenfolge wieder einstecken..."
"Aber... die weiß ich nicht mehr..."
"Schlecht, sehr schlecht", sage ich sorgenvoll, "dann wird sie Ihnen
wahrscheinlich abstürzen. Hoffentlich wird kein traumatisches Erlebnis
daraus. Denken Sie bitte in Zukunft immer daran, beim Booten die
Hand aufs Gehäuse zu legen. Das MMDHS baut sich durch statische
Elektrizität auf und der Hautkontakt hilft, solche Spannungen
abzuleiten."
Sie verspricht es schniefend und legt auf.
Eigentlich sollte ich Honorare verlangen für meine Rechnerseelsorge...
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