B.A.f.H. 47 |
Die Tür wird ohne Vorwarnung aufgerissen, und ich haue reflexartig
auf den Chef-Knopf.
"... und ähm... hier... äh... arbeitet unser Herr Leisch... hm... ja,
äh..."
Der Chef schiebt eine fesche junge Frau in knackigen Designer-Jeans
und siebzehn Zentimeter hohen Plateau-Tretern in mein Büro und
strahlt mich an.
ROTER ALARM
Wenn der Chef plötzlich von 'unserem Leisch' redet und so strahlt wie
eine 500-Watt-Birne, will er normalerweise einen lästigen Besucher an
mich loswerden!
"... äh... darf ich... hmm... vorstellen? Das hier... ähm... ist... ist...
hmm... Frau... hmm... Frau..."
"Treugott", ergänzt die junge Dame kühl.
"... Treugott - natürlich! Vom... äh... 'Cosmic Radio'. Und das ist
Herr...hm... Leisch. Er wird Sie... hmm... also, er kann Ihnen alles
über das... das SCHWAFEL-Projekt sagen... hmm... ja. Also, wir...
äh... vielleicht später noch... bin leider sehr, sehr... äh...
beschäftigt..."
Der Chef windet sich aus der Tür und macht sie hinter sich zu.
Eine Presse-Mieze! Erst letzte Woche hat so ein Schmierfink in einer
großen süddeutschen Tageszeitung darüber gelästert, daß der
durchschnittliche IQ des Universitätspersonals deutlich unter dem
Durchschnitts-IQ im Pressewesen läge!
Wir taxieren uns mißtrauisch, wie zwei koreanische Kragenkrokodile,
die sich unvermutet in einer New Yorker Kellerbar über den Weg
laufen.
Man muß zugeben, die Reporterin schaut nicht schlecht aus; sie trägt
ein kleines modernes Aufnahmegerät über der Schulter und hält ein
schwarzes Mikrophon in der linken Hand. Ihre kühlen dunklen Augen
versuchen herauszufinden, ob ich für ihre Story wichtig genug bin,
oder ob sie jetzt wieder einmal nur an den Fuzzy vom Dienst
abgeschoben wurde.
Ich biete höflich meinen Besuchersessel an, und sie hält mir sofort das
schwarze Mikro unter die Nase.
"Was bedeutet eigentlich SCHWAFEL?" ist ihre einleitende Frage.
"SCHWAFEL ist die Abkürzung für 'Self Constructing Hyper Wavelet
Algorithms For Extrapolating Linguistics'", erläutere ich.
"Und was bedeutet das?"
Ich werfe ihr einen langen scharfen Blick zu. Sie wird eine
Schattierung dunkler unter dem perfekten Makeup.
"Sie wissen aber doch sicher, was ein 'Wavelet' ist, oder?" sage ich
leutselig.
"Na ja, ich..."
"Genau: 'Wavelet' ist der englische Ausdruck für 'Waffeleisen'.
Letztendlich geht es also im SCHWAFEL-Projekt darum, ein
selbstorganisierendes Waffeleisen zu simulieren, das seine
Waffelmuster auf die linguistischen Fähigkeiten des Benutzers
extrapoliert..."
Die Reporterin des 'Cosmic Radio' starrt mich eine Sekunde lang
unsicher an; das Mikro schwankt unentschlossen unter meiner Nase hin
und her. Dann flüchtet sie sich entschlossen in eine bewährte Phrase:
"Können Sie das für unsere Hörer noch einmal in ganz einfachen
Worten erklären?"
"Aber selbstverständlich", sage ich milde, "also: ein herkömmliches
Waffeleisen produziert doch immer das gleiche Muster, nicht wahr?
Und wenn nun in diesem Muster ein linguistischer Term vorkommt,
z.B. ein Spruch oder ein Gedicht, dann ist das doch immer derselbe
Term auf jeder Waffel, verstehen Sie? Immer und immer wieder der
derselbe. Gut. Aber wollen wir das? Können wir uns das in unserer
modernen multi-medialen Gesellschaft noch leisten? Ein Waffeleisen,
das jahraus, jahrein denselben Spruch auf seine Waffeln prägt? Und
was, wenn das Eisen den Benutzer wechselt? Vielleicht steht der neue
Benutzer nicht auf Goethe oder Byron. Und dann muß der arme Kerl
den Rest seines Lebens mit Waffeln leben, die Aufschriften tragen, mit
denen er nichts anfangen kann."
"Aber..."
"Mit SCHWAFEL wird es das nicht mehr geben. Das 'Wavelet', also
das Waffeleisen, wird sich automatisch an das intellektuelle und
linguistische Niveau des Benutzers anpassen. Die Bandbreite geht von
Perry Rhodan bis James Joice..."
Die Reporterin holt tief Luft:
"Wollen Sie allen Ernstes sagen, daß ein Forschungsprojekt, das mit
10 Millionen pro Jahr finanziert wird, ein Waffeleisen entwickelt?!"
"Mein liebe Frau Treulos..."
"Treugott!"
"... natürlich! Entschuldigen Sie vielmals. Erstens handelt es sich nicht
um ein einfaches Waffeleisen, sondern um die Simulation eines
selbstorganisierenden Waffeleisens - was ein großer Unterschied ist -
und außerdem vergessen Sie die Spin-Offs."
"Spin-Offs?"
"Natürlich! Wie beim Apollo-Programm, nicht wahr? Microchips,
Superkleber, neue Isolationsmaterialien, die ganze Computerrevolution
- das waren alles Spin-Offs vom Apollo-Programm der sechziger
Jahre. Sie sehen also, es kommt gar nicht darauf an, ob wir ein
Waffeleisen oder ein Fußmassagegerät entwickeln - entscheidend sind
nur die Spin-Offs!"
"Und worin bestehen die bei SCHWAFEL?" will sie hartnäckig
wissen.
"Das ist so im Einzelnen nicht vorhersehbar. Aber es wird auf jeden
Fall fundamentale Auswirkungen auf Nähmaschinen,
Spritzgebäckapparate und Stickmusterautomaten geben. Sie sehen also,
daß die Implikationen des Projekts SCHWAFEL enorm sein werden."
"Aber..."
"Entschuldigen Sie, Frau Treuhand..."
"Treugott!!"
"... äh, ja. Könnten Sie mit diesem Dings, diesem Mikro, nicht etwas
mehr Abstand halten? Es macht mich nervös, wenn etwas unter meiner
Nase herumschwingt..."
Die rasende Reporterin des 'Cosmic Radio' schaut auf ihr kleines
Aufnahmegerät.
"Tut mir leid, aber die Batterien sind fast alle; ich bekomme kaum noch
eine anständige Aussteuerung..."
"Batterien? Aber das ist doch gar kein Problem! Moment mal..."
Ich schnappe mir ihr Gerät und springe 'rüber ins Physik-Praktikum,
wo die Frischlinge sich mit dem altersschwachen Zyklotron abmühen.
Ich lege das Gerät in den Beschleunigerspalt und sage den Studenten,
daß sie weitermachen sollen, aber sie sollen den Beschleuniger mal
kurz auf Warp 9 stellen. Und zwar ein bißchen flotty!
Während das Ding von starken Magnetfeldern und Elektronen
durchsiebt wird, suche ich nach einer neuen Batterie. Dann ziehe ich
noch schnell den Mikrostecker ab und tauche die Kontakte in schnell
trocknenden Isolierlack.
"So. Alles erledigt", sage ich fröhlich und gebe ihr das Aufnahmegerät
zurück, "jetzt läuft es wieder wie eine 1."
"Komisch. Es ist ja ganz warm?" wundert sie sich.
"Wahrscheinlich, weil ich es die ganze Zeit in der Hand gehalten habe.
Wo waren wir stehengeblieben?"
"Können Sie mir den Prototypen von SCHWAFEL einmal vorführen?"
Ich tue so, als ob ich zögerte.
"Nun ja. Eigentlich ist er ja erst in der Entwicklung, befindet sich
sozusagen noch im Embryonalzustand. Aber gut, was soll's!"
Ich rufe einen Bildschirmschoner auf, der eine Mandelbrotmenge in
Form von klassischen Apfelmännchen auf den Schirm zeichnet.
"Sehen Sie, Frau Treubruch, hier entwickelt sich gerade das
sogenannte Embryo-Wavelet. Sie können sehen, wie es langsam immer
größer wird. Seine Fähigkeiten werden sozusagen von Sekunde zu
Sekunde komplexer und passen sich unseren linguistischen Fähigkeiten
an. Natürlich ist das nur eine Simulation der symbolverarbeitenden
Fähigkeiten des Waffeleisens, nicht das Waffeleisen selber..."
"Treugott", sagt sie nachdenklich und starrt auf das farbige
Apfelmännchen.
"Wie? Ach so, ja. Verzeihung. Mein Namensgedächtnis..."
Sie ist so fasziniert, daß sie vergißt, auf die Aussteuerungsanzeige ihres
Recorders zu achten. Da rührt sich nämlich schon lange nichts mehr!
"Und wie", fragt sie, "wie äußern sich jetzt die linguistischen
Fähigkeiten des... dieses Wavelets?"
"Passen Sie auf!"
Ich drücke Ctrl-C und der Bildschirmschoner bricht mit der üblichen
Fehlermeldung ab.
"...'Error: broken pipe'... ", liest sie verblüfft vom Bildschirm ab.
"Aber was soll denn das heißen?"
Ich zucke mit den Achseln.
"Nun, ja. Wie gesagt - ein Embryo. Wir sind mit unseren Forschungen
ja auch erst ganz am Anfang..."
Endlich zieht Frau Treudoof zufrieden und mit einem halben Kilometer
leerem Tonband im Kasten ab, und ich kann mich endlich wieder der
heutigen Usermail widmen.
Manchmal frage ich mich, wie man an diesem LEERstuhl vernünftig
wissenschaftlich arbeiten soll, wenn man ständig solche Leute
hereinläßt...
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