Der Chef hat endlich seine Zustimmung zur Netzerweiterung in den
ersten Stock gegeben. Als offizielle Begründung gegenüber dem
Haushaltsausschuß hatte ich geschrieben:
'Steigerung des synergetischen Effekts in Wissenschaft und Lehre
durch Vernetzung räumlich getrennter, aber thematisch interdisziplinär
arbeitender Gruppen'.
In Wirklichkeit kann ich jetzt endlich meine Bestellungen per Computer
an die Cafeteria geben, die sich auch zufällig im ersten Stock befindet.
Schließlich ist es in der heutigen Sparwelle nicht mehr zu verantworten,
daß hochdotierte Beamte (wie ich) ihre kostbare Zeit in der Schlange
vor der Cafeteria-Kasse vergeuden.
Ich rufe also beim Leiter der Haustechnik an und erkläre ihm die
Situation: So und so, das Ethernetkabel muß zuerst durch die Decke,
dann durch die Räume der katholischen Theologen geführt werden,
und dann muß noch eine Wand durchbohrt werden.
Obwohl die Zentralwerkstatt bis 2029 ausgebucht ist, zeigt sich der
Leiter erstaunlich kooperativ. Vielleicht ist ihm die Geschichte mit der
überfluteten Tiefgarage noch in Erinnerung...
"Gar kein Problem", sagt er, "das machen wir ganz unbürokratisch.
Ich schicke Ihnen 'nen Maurer 'rüber, der die Löcher bohrt."
Schon am nächsten Tag steht tatsächlich ein Individuum im Blaumann
und mit mauerbrechender Feuerkraft ausgestattet vor meiner Türe. Ich
zeige ihm die entsprechende Stelle, und er fängt unverzüglich an, mit
seiner Hilti den Fußboden zu bearbeiten. Die Lärmentwicklung ist
beachtlich. Ich schaue auf die Uhr und beginne zu zählen.
Schon nach siebzehn Sekunden ist der erste katholische Theologe da
und beschwert sich empört über den Krach.
"Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr in der Vorlesung",
schimpft er, hochrot im Gesicht.
Ich bemerke, daß ihm ein wenig mehr Demut vor den unerforschlichen
göttlichen Entscheidungen besser zu Gesicht stünde. Dann empfehle
ich ihm, doch in der nächsten halben Stunde mit den Studenten zu
meditieren; da bräuchte er seine Stimme nicht so zu strapazieren.
Inzwischen ist die Hilti durch die Decke, aber irgendwie riecht es
merkwürdig aus dem Loch. Genauer gesagt, es stinkt wie die Pest. Ich
mache den Maurer darauf aufmerksam und er beugt sein Riechorgan
dicht über sein Werk. In diesem Moment schießt eine grau-trübe
Fontäne aus dem Bohrloch und ihm mitten ins Gesicht; ein intensiver
Geruch nach Kloake verbreitet sich; aus der benachbarten Damentoilette
hören wir schwach die Spülung rauschen.
"Sakradi", meint der Maurer unbeeindruckt und trocknet sich mit dem
Taschentuch ab, " des muaß i nacha wieda zuamacha..."
Er probiert es noch einmal; diesmal dreißig Zentimeter weiter rechts.
Aber da kommt er nicht so leicht durch, wie vorher in die
Abwasserröhre. Er bohrt und bohrt und setzt sich schließlich selbst auf
die röhrende Hilti. Nach weiteren zehn nervenaufreibenden Minuten
geht ein Aufatmen durchs Institut: er ist durch.
Wir gehen ein Stockwerk hinunter zu den katholischen Theologen.
Etwa ein Quadratmeter der Stahlbetondecke liegt abgesprengt im Raum
verteilt; ein dicker Stahlträger ragt schräg aus der malträtierten Decke in
den Raum und eine traurig flackernde Neonlampe hängt nur noch an
ihrem Anschlußdraht und dreht sich langsam um sich selbst.
"Hoppala", meint der Meister und trifft mit analytischer Sicherheit
sofort den kritischen Punkt so einer Situation:
"Moana Se, da kimmt oft wer eini?"
Der Raum, ein Zeitungs-Archiv, sieht allerdings nicht so aus, als ob er
häufig frequentiert würde.
"Guad! Des mach i moagn wieda zu. Jetz machma no schnell de
anderen Löcha!"
Wir gehen in unseren Raum hinüber und der Meister beklopft prüfend
die fragliche Wand.
"Dös is ja nur a Rigips..."
Er holt ein schweizer Taschenmesser heraus und stößt die Klinge brutal
in die jungfräulich weiße Wand. Schon nach wenigen Zentimetern trifft
er auf Beton. Er probiert es noch dreimal links und viermal rechts
davon; im siebten Loch bricht die Klinge ab. Die Wand sieht aus, wie
nach einem Überraschungsangriff von Al Capones Bande.
Ich frage den Meister, ob er nicht ständig für unser Institut arbeiten
möchte, aber er lehnt dankend ab. Wahrscheinlich zuwenig Wände.
Gegen Mittag beginnt es heftig zu schneien und schon bald ist der Platz
unter meinem Fenster von einer dicken Schneedecke eingehüllt.
Als ich sehe, daß der leitende Hausmeister, der Oberhausmeister und
der Hilfshausmeister den Schneepflug aus der Garage holen, gehe ich
ins Labor, um die Videokamera in Stellung zu bringen. Wie üblich
streiten die drei darum, wer als erster ihr Lieblingsspielzeug besteigen
darf. Sodann schreitet der Oberhausmeister sorgfältig den ganzen Platz
ab, und teilt ihn so in einen großen, einen mittleren und einen kleinen
Abschnitt; beim Schneepflügen muß es gerecht zugehen, da verstehen
unsere Hausmeister keinen Spaß.
Der leitende Hausmeister besteigt den kleinen Traktor mit der riesigen
Räumschaufel und drückt den Starter.
Das Ding macht einen gewaltigen Satz nach vorne und beschleunigt. Es
ist erstaunlich, was mit mit ein paar simpelen Eingriffen an Kupplung
und Getriebe alles erreichen kann!
Der leitende Hausmeister schreit und versucht verzweifelt, sich im
Sattel zu halten. Der Traktor bockt und schlingert und malt große
Schleifen in den jungfräulichen Schnee. In letzter Sekunde gelingt es
dem tapferen Piloten, einem Betonpfeiler auszuweichen. Der
Oberhausmeister und der Hilfshausmeister rennen gestikulierend neben
dem durchgegangenen Traktor her. Mit einem plötzlichen Schlenker
erwischt der Traktor beinahe den Hilfshausmeister, der sich nur mit
einen verzweifelten Sprung in ein schneegefülltes Blumenbeet retten
kann.
Schließlich gelingt es dem leitenden Hausmeister abzuspringen, und
der Traktor fährt allein weiter. Das Lenkrad scheint eingeschlagen zu
sein, denn er fährt jetzt immer eng im Kreis herum. Funken sprühen
bedrohlich unter der Räumschaufel.
Die drei Hausmeister beraten sich in sicherer Entfernung. Der leitende
Hausmeister gibt jetzt anscheinend den Befehl, den herrenlosen Traktor
einzufangen. Der Oberhausmeister gibt den Befehl an den
Hilfshausmeister weiter. Nach zwei mißglückten Versuchen gelingt es
diesem tatsächlich im vollen Galopp neben dem Schneepflug
herzulaufen und die Benzinzufuhr abzustellen, während seine beiden
Vorgesetzten ihn aus sicherer Entfernung anfeuern.
Ich spule das Band zurück und schicke es an 'Pleiten, Pech und
Pannen'. Wieder ein erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeitstag!
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