von Florian Schiel
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Mißgelaunt reiße ich eine neue Cleenex-Packung auf. Mein
Riechkolben ist schon so wund, daß er im Dunkeln rot leuchtet. In
meinem Kopf pocht es im Morsetakt, die Augen wassern, die Ohren
sausen und jeder neue Hustenanfall befördert tonnenweise grüngrauen,
flockigen Schleim aus meinen strapazierten Lungen.
Mit anderen Worten: Der BAfH hat Grippe!
Die Mitarbeiter umstehen mich mit besorgter Miene.
Schließlich sind alle weg, und ich kann mich endlich in Ruhe meinen
wissenschaftlichen, keimgeschwängerten Experimenten widmen.
Zuerst messe ich eine Stunde lang sorgfältig den Abstand zwischen
zwei Niesern mit der Stopuhr. Ich stelle fest, daß ich im Mittel
fünfzehn Sekunden früher wieder niesen muß, wenn ich mich nicht
sofort nach dem ersten Nieser, sondern nur nach jedem fünften
schneuze. Zwar läuft mir der Rotz ab dem dritten Nieser aus dem
Zinken, aber andererseits spare ich auf diese Weise Cleenex-Tücher -
und nicht zu knapp! Eine kurze Hochrechnung sagt mir, daß, wenn alle
Einwohner Deutschlands so volkswirtschaftlich handeln würden wie
ich, durch die eingesparten Cleenex-Tücher siebendreiviertel
Durchschnittsrentner (eine von Blüms neuen Erfindungen) ein ganzes
Jahr lang finanziert werden könnten. Ich drucke die Rechnung aus und
schicke sie ans Bundesarbeitsministerium.
Danach fühle ich mich wohler. Fast will es mir scheinen, als ob ich mir
ein wenig Bewegung verschaffen sollte. Ich gehe hinüber in den
Versuchsraum 3 und hole eine der großen Spiegelscheiben in mein
Büro, wo ich sie sorgfältig gegen die Wand lehne. Dann male ich mit
einem (nicht-wasserlöslichen) Folienstift konzentrische Kreis auf den
Spiegel und nehme in drei Meter Entfernung Aufstellung.
Nach meiner Stopuhr stehe ich kurz vor den dritten Nieser seit dem
letzten Schneuzen. Rasch gehe ich hinüber ins Büro des Kollegen O.
Kollege O. hat mich an etwas erinnert. Von wegen 'virulent'. Da war
doch irgendwo von einem neuen bulgarischen Virus namens 'Sniffoo'
die Rede. Ich wühle hustend in meinen Dateien, bis ich fündig werde.
Pech. Kann man wirklich sagen. Großes Pech!
Die Haustechnik tobt. Aber ich bin viel zu angeschlagen, daß mich so
etwas heute noch aufregen könnte.
Im PC-Labor schleppe ich mich von Rechner zu Rechner, murmele
schniefend etwas von:
Kaum etwas ist heilsamer bei Erkältungen als Inhalieren. Also hole ich
Frau Bezelmanns Espresso-Maschine und lasse den Dampfhahn
dauerzischen, während ich fleissig mit Odol versetztes Wasser
nachgieße. Kurz darauf ist mein Büro in dichte Dampfschwaden gehüllt
und die Displays beschlagen sich.
Ein UPS-Mann in kackbrauner Uniform eilt mit einem mittelgroßen
Paket, auf dem 'Vorsicht Glas!' steht, an meiner Bürotüre vorbei,
gleitet aus und knallt auf den Boden. Wieder ist das anheimelnde
Bimmeln der Weihnachtglöckchen zu hören. Diesmal allerdings nur
ganz schwach, durch die Verpackung gedämpft. Der UPS-Mann flucht
gotteserbärmlich und hofft, daß niemand das Klingeln gehört hat und
daß er schon wieder in seinem lächerlichen kackbraunen Wagen sitzt,
bevor jemand auf die Idee kommt, das verdammte Paket zu öffnen. So
hat halt jeder von uns seine Probleme!
Plötzlich jaulen draußen auf dem Gang die Feuersirenen los. Das ist
sogar mir neu: Die Feuermelder reagieren nicht nur auf Rauch, sondern
auf auch Dampf! Während es noch bimmelt und ich mich für den
Nachhauseweg anziehe, nehme ich mir vor, diese neue
wissenschaftliche Erkenntnis für die zukünftige Experimente in der
Tiefgarage auszunutzen.
Im Treppenhaus begegnet mir die Feuerwehrvorhut, zwei Stufen auf
einmal nehmend und mit allen möglichen Spritzen, Helmen und Äxten
bewaffnet. Ich zeige ihnen höflich den Weg und weise ausdrücklich
daraufhin, daß der Boden im Flur schlüpfrig sein könnte.
Kurz darauf höre ich es scheppern. Warum hört mir eigentlich keiner
zu?
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