B.A.f.H. 45 |
Im Workstation-Cluster ist ganz schön Betrieb: 24 Benutzer tun so, als
ob sie wissenschaftlich arbeiten würden. Alle Netzsegmente
funktionieren und im PC-Labor klickern die Keyboards der Studenten
um die Wette. Und alles läuft wie geschmiert!
Ich starte eine Handvoll Jobs mit hoher Priorität, die eine
Faktorenanalyse über die ersten 10000 Postleitzahlen durchführen, und
verteile sie auf die am meisten belasteten Workstations. Dann verhänge
ich einen nicht angekündigten Wartungszyklus für das Subsegment mit
den meisten Rechnern, lösche sämtliche Usermail von heute
(NACHDEM ich sie oberflächlich durchgeschaut habe) und vertausche
zyklisch alle Drucker-Queues.
Nur damit sich die Mitarbeiter nicht dran gewöhnen, daß immer alles so
glatt läuft!
Sicherheitshalber verlege ich noch die Hardware-Sprechstunde auf den
30.02. Dann hänge ich ein Schild an meine Tür: 'Bin in der Vorlesung'
und gehe hinunter zu den katholischen Theologen. Schließlich habe ich
mir die ganze letzte Nacht mit 'Monkey Island' um die Ohren
geschlagen und brauche jetzt dringend Ruhe.
Ich wähle das Proseminar von Pater Falus und setze mich, ohne weiter
aufzufallen, unter die anderen schlafenden Studenten in die vorletzte
Reihe. Mein Nachbar schnurchelt leise vor sich hin. Die eintönige,
salbungsvolle Stimme des Paters lullt mich sanft in den Schlaf:
"... man die Schöpfungstat Gottes nach der Analogie der immanenten
Tätigkeit des endlichen Seienden verstehen, dann müßte man - so
scheint es zumindest - zu einer pantheistischen Auffassung des
absoluten Seins kommen, nach der das Absolute sich selbst entfaltend
die Welt hervorbringt. Die Welt wäre dann eine notwendige Emanation
des göttlichen Wesens, eine Art 'natura naturata' (um die Terminologie
Spinoza zu gebrauchen), ein Mittel also, durch das das Absolute erst zu
sich kommt..."
Als ich eineinhalb Stunden später wieder zu mir komme, ist Pater Falus
zum Kirchenrecht übergegangen:
"... Zölibat ist durch die zwei folgenden Rechtssätze geordnet:
Erstens: Der Kleriker darf nicht heiraten; der Versuch macht irregulär
und bewirkt Exkommunikation."
Mittlererweile sind alle Theologiestudenten um mich herum hellwach,
rutschen unbehaglich auf ihren Stühlen herum und grinsen so dämlich
wie pubertierende Zehntklässler im Aufklärungsunterricht.
Pater Falus doziert weiter:
"Zweitens: Der Verheiratete darf nicht geweiht werden. Dispens wird
nur gewährt, wenn die Frau in ein Kloster eintritt..."
Nervöses Gekicher weiter vorne.
"...die Fortsetzung der Ehe ist auch dem mit Dispens Geweihtem
verboten, jedoch kann auch von diesem Verbot Dispens gewährt
werden."
Damit ist für den guten Pater das peinliche Thema abgeschlossen und er
greift erleichtert zum nächsten Manuskript. Ich hebe meinen Arm. Pater
Falus äugt irritiert über den Rand seiner Lesebrille.
"Ja? Sie haben eine Frage?"
"Ja", sage ich, "ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig
verstanden habe. Schließlich ist das ja für die Zukunft nicht ganz
unwichtig..."
Wieder unterdrücktes Gekicher.
"Ich kann also ruhig heiraten, muß mich aber dann vor der Weihe zum
Priester um einen Dispens des heiligen Stuhls bemühen, den ich nur
bekomme, wenn meine Frau in ein Kloster eintritt?"
Pater Falus hüstelt peinlich berührt.
"Nun. Theoretisch mag das so..."
"Ich kann aber weiterhin mit meiner Frau Beischlaf pflegen, wenn ich
zusätzlich einen Dispens zur Fortsetzung der Ehe erhalte", fahre ich
ungerührt fort.
Beim Wort 'Beischlaf' überzieht sich Gesicht und Tonsur des Paters
mit kirchlichem Purpur. Weiter hinten lacht jemand unterdrückt.
"Äh... nun ja. Im kanonischen Recht..."
"Ich meine, wie mache ich das denn so rein praktisch? Gehe ich am
Abend mit dem Dispens zur Mutter Oberin und sage, daß ich die
Absicht habe, diese Nacht meiner eigenen Frau, die ja inzwischen
Nonne geworden ist, geschlechtlich beizuwohnen? Was sagen denn da
die anderen Nonnen dazu?"
Unruhe im Auditorium. Die Studenten rings um mich her beginnen,
unauffällig von mir abzurücken. Wehe, weiche! Der Böse, der
unbequeme Fragen stellt, ist unter uns!
Dem armen Pater steht der Schweiß auf der Stirne.
"Ich... ich denke, wir sollten das... dieses Thema nach der Stunde
privat besprechen", stottert er.
Fast tut er mir leid; also lasse ich ihn vom Haken und sage nichts mehr.
Wenn der gute Pater wüßte, wie oft in den Mailboxen seiner Studenten
von Sex und anderen pikanten Themen die Rede ist. Irgendwo müssen
die armen Jungs ja ihren sexuellen Frustrationen ein Ventil schaffen.
Und wenn man weiß, daß nach der Weihe nix mehr los sein darf,
schlägt man natürlich vorher noch ein wenig auf Vorrat über die
Stränge!
Auf dem Weg zurück in mein Büro begegnet mir ein Traum von
Mädchen und lächelt mich so schelmisch an, daß meine Wirbel Polka
tanzen.
Gut, daß ich für die Konkurrenz arbeite!
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