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B.A.f.H.
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Ich sitze mit meinem neuen, absolut unfähigen Hiwi Xaver in der Cafeteria und wir versuchen erfolglos,
die Zeit bis zum Mittagessen totzuschlagen. Es ist Montagmorgen, der Dreizehnte, draußen nieselt es und hier
drinnen ist absolut nichts los, was mein Laune verbessern könnte. Falls sich jemand wundern sollte, warum
ich mit einem absolut unfähigen Hiwi in der Cafete herumsitze: es ist immer noch besser, sein hirnloses Gebrabbel
über mich ergehen zu lassen, als zu beobachten, wie er mein sorgfältig verschachteltes Filesystem im
Workstation-Cluster ruiniert. Der Chef hat ihn mir aufs Auge gedrückt.
Mit der Begründung, mich 'zu entlasten'. In Wirklichkeit hofft er immer noch, daß jemand es schafft,
die ganzen Bugs aus dem Betriebssystem herauszubekommen, die ich in mühsamer Kleinarbeit hineinprogrammiert
habe.
Plötzlich fahren die Lider über Xavers gelangweilten Schlafzimmerblick um mindestens zwei Etagen nach
oben und seine Augen leuchten auf wie in der Osram-Werbung. Ich drehe mich erwartungsvoll um - jede Abwechslung
an einem totlangweiligen Montagmorgen ist ein Geschenk der Hölle - aber es ist lediglich Franky am Eingang
der Cafeteria.
Ich sehe an Xavers Augen, daß er Franky noch nie zu Gesicht bekommen hat. Ihm bleibt buchstäblich
die Spucke weg. Es ist allerdings auch ein einigermaßen atemberaubender Anblick für jemanden, der Franky
noch nie zu Gesicht bekommen hat. Noch dazu für einen, der von der TU kommt. Wo man sich die paar Ingenieursstudentinnen
mit 500 anderen Ingenieursstudenten teilen muß. Franky zeigt heute die absolute Topfigur in einem mehr als
großzügig ausgeschnittenen, schulterfreien Top und bis zu dem Hüften geschlitztem Maxi-Rock. Alle
Klamotten sind schneeweiß und allerbeste Sahne, inklusive die weißen Cowboystiefel, in denen die schlanken
tiefbraunen Beine enden. Dazu die wallende goldene Mähne und der typisch leicht entrückte Blick, passend
zu den sinnlich halb geöffneten kirschroten Lippen.
Die anderen, erfahreneren männlichen Gäste der Cafeteria reagieren einigermaßen relaxed, wogegen
die anwesenden Mädels giftsprühende Blicke in Richtung Eingang verschießen.
"Mein Gott! Was für ein Häschen", flüstert Xaver und schluckt mühsam. "Kennst
du die?"
"Aber klar", sage ich gelangweilt. "Absolut scharfe Nummer. Soll ich...?" Ich mache eine auffordernde
Handbewegung.
"Meinst du, du könntest uns miteinander bekannt machen?" fragte mein Hiwi aufgeregt. Man sieht,
daß ihm schon allein der Gedanke den Mund wässrig macht. Ich betrachte ihn kritisch. Vielleicht sollte
ich ein Exempel statuieren. Zumindest würde das mein Laune etwas aufbessern...
Inzwischen hat man sich Kaffee besorgt und läßt nun den strahlend blauen Laserblick suchend durch
die Cafeteria schweifen. Ich winke heftig, und man schwebt strahlend lächelnd an unseren Tisch.
Ich erspare mir die Darstellung der absolut entwürdigenden Erniedrigung, die mein Hiwi Xaver innerhalb
der nächsten halben Stunde an den Tag legt. Schließlich läßt sich Franky huldvoll (und errötend!)
dazu herbei, die Telefon-Nummer herauszurücken, und die beiden verabreden sich für heute abend zum Essen.
"Geschieht ihm recht", denke ich grimmig, während Xaver wie in Ekstase zurück an seine Arbeit
eilt. "Mangelnde Menschenkenntnis muß bestraft werden!"
Zurück in meinem Büro entwerfe ich rasch einen Brief an die zentrale Personalverwaltung der Uni, mit
der Bitte, Xavers Hiwi-Vertrag fristlos und außerordentlich zu kündigen. Als Begründung schreibe
ich, daß sein weiteres Verbleiben an unserem Institut aus moralischen Gründen kaum noch vertretbar sei.
Insbesondere sei es als bedenkliches Vorbild für die jüngeren Semester zu werten, daß ein Hilfswissenschaftler
des Instituts öffentlich Umgang mit einem stadtbekannten Transvestiten pflege.
Den Brief adressiere ich zu Händen eines der wenigen Sachbearbeiter, die noch aus nostalgischen Gründen
ihr CSU-Parteibuch pflegen.
Außerdem weiß ich zufällig, daß er Mitglied in der Liga 'Für ein sauberes München'
ist und schon seit 27 Jahren als stellvertretender dritter Kassenwart im 'Verein katholischer Maiburschen Untermenzig'
fungiert. Bei ihm ist mein Brief gewiß an der richtigen Adresse.
WERBUNG (gesungen)
Haben Sie auch manchmal das Gefühl, daß ALLES irgendwie SINNLOS ist? Fühlen
Sie sich SCHLAPP und ABGESPANNT und sind immer MÜDE? Geht die ARBEIT nicht mehr leicht von der
Hand?
Es KÖNNTE natürlich am Wetter liegen. ODER vielleicht sind Sie allergisch gegen das
neue Haarspray?
ES KÖNNTE ABER AUCH SEIN, DASS IHRE FESTPLATTE EINE UNWUCHT HAT!
ALARMSIGNAL. Festplatten mit Unwucht erzeugen beim Rotieren starke niederfrequente Schwingungen, die sich
unbemerkt über den Tisch oder den Fußboden bis in Ihren Körper hin fortpflanzen können.
Solche schädlichen mechanische Schwingungen beeinträchtigen die Funktion der vorderen Hirnlappen, die
für das logische Denken, das Treffen von Entscheidungen und konzentriertes Arbeiten zuständig sind.
Die Folge: Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche.
LASSEN SIE ES NICHT SO WEIT KOMMEN!
Unwuchten auf Festplatten entstehen durch ungleiche Verteilung der Bytes auf der Oberfläche der Platte.
Herkömmliche Festplatten- Controler ordnen die Bytes in möglichst großen zusammenhängenden
Blöcken an. Die logische Folge: Auf einer Seite der Festplatte entsteht ein Übergewicht an Bytes; die
Platte bekommt eine Unwucht!
Helfen Sie dem ab!
Der neue unwuchtsfreie B.A.f.H. Festplatten-Controler mit randomisierter FAT und GVBK ('gaußverteilter
Blockungskontrolle') verhindert zuverlässig jegliche Unwucht auf Ihren Festplatten.
Genießen Sie schon wenige Minuten nach Installation die schwingungsfreie Atmosphäre in Ihrem Büro.
Ihre Kollegen werden Sie beneiden.
Besorgen Sie sich noch heute den neuen
unwuchtsfreien B.A.f.H Festplatten-Controler!
(Fanfare)
Kaum bin ich fertig, kommt der Chef herein und teilt mir mit, daß unsere Sekretärin (die häßliche)
endlich gekündigt hat. Insgeheim registriere ich erfreut, daß persistentes Stänkertum und permanente
Quengelei auch heute noch zuverlässige Wirkungen zeigen. Man muß nur am Ball bleiben und nicht so schnell
aufgeben.
"Ich möchte gerne, daß Sie mir bei der Anstellung einer neuen Sekretärin behilflich sind",
sagt der Chef.
"Ich?"
"Nun ja, ich glaube, daß es keinen Sinn mehr hat, jemanden einzustellen, mit dem Sie nicht auskommen
können", sagt der Chef ironisch. Sollte ihm etwa aufgefallen sein, daß wir innerhalb von fünf
Jahren sieben verschiedene Sekretärinnen hatten?
"Wir werden also die übliche Ausschreibung machen", fährt der Chef fort, "und Sie schauen
sich die Bewerberinnen genau an. Ich verlasse mich ganz auf Sie."
Schon eine Woche später sitzt die erste Kandidatin auf meinem Besuchersessel. Auf dem ersten Blick gefällt
sie mir nicht gerade; viel zu begeistert und engagiert.
"Sie würden also gerne in unserem Sekretariat arbeiten", eröffne ich leutselig das Interview.
Die Kandidatin nickt begeistert.
Ich registriere den ersten Minuspunkt: Weiß nicht, wovon sie redet, stimmt aber dem Vorgesetzten in spe bedingungslos
zu. Kein vernünftig denkender Mensch würde gerne bei uns arbeiten. Schon gar nicht für das mickrige
Gehalt, das der Staat zahlt. Es sei denn, man hat andere Gründe.
Ich frage die Kandidatin nach den Gründen. Als Antwort erhalte ich nur Platitüden. Ich bringe das Interview
zu einem raschen Ende.
"Sie hören sehr bald von uns", sage ich zum Abschied.
Die beiden nächsten Kandidatinnen sind keinen Deut besser.
"Was machen Sie, wenn der Chef Ihnen einen Auftrag gibt, der absolut unsinnig ist, vielleicht sogar eine Katastrophe
heraufbeschwören könnte?" frage ich beide.
Beide antworten mutig, daß Sie in diesem Falle auf eigene Verantwortung das Richtige unternehmen würden.
Unfaßbar!
Resigniert lasse ich eine vierte Kandidatin hereinkommen. Schon auf den ersten Blick registriere
ich den Unterschied. Sie ist deutlich älter als die bisherigen Bewerberinnen, hat funkelnde schwarze Augen
hinter blitzenden Brillengläsern, die mich mit Röntgenblick taxieren. Fast habe ich das Gefühl,
daß sie mit dieser Brille durch meine Kleider schauen kann. Meine Nackenhaare stellen sich begeistert auf.
Nicht schlecht.
Ihr tiefschwarzes Haar trägt sie in einem strengen Knoten und ihre dünnen blutleeren Lippen biegen sich
an den Mundwinkeln zu einem höhnisch-verächtlichen Zug nach unten. Absolut unauffällige graue Kleidung,
schwarze hochhackige Schuhe mit dolchartigen Absätzen.
Bewaffnet ist sie mit einer riesigen schwarzen Arzttasche und einem verhängte Vogelkäfig, den sie sorgfältig
hinter ihrem Sessel deponiert.
"Frau...äh...Bezelmann. Sie würden also gerne für uns arbeiten.
Haben Sie denn schon Erfahrung im Umgang mit Studenten?" eröffne ich wie üblich das Interview.
Sie schaut mich an, als ob ich sie beleidigt hätte.
"Ich tue seit 15 Jahren nichts anderes", raunzt sie mit knarrender Stimme, die etwa so angenehm wie eine
schlecht geölte Kellertüre klingt.
Faszinierend. Ein leises Knistern liegt in der Luft, seit sie mein Büro betreten hat. Oder geht das von
dem Vogelkäfig aus?
"Was machen Sie, wenn der Chef Ihnen einen Auftrag gibt, der absolut unsinnig ist, vielleicht sogar eine Katastrophe
heraufbeschwören könnte?" frage ich sie erwartungsvoll.
Sie lächelt grausam.
"Bin ich für die Entscheidungen meines Chefs verantwortlich?" fragt sie zurück. Ich sehe an
ihren Augen, daß sie am liebsten hinzugefügt hätte: "Wenn ungestraft möglich, gieße
ich noch Öl ins Feuer, damit sich endlich was rührt hier!"
Ich bekomme immer mehr das Gefühl, daß ich hier die neue BSFH vor mir habe.
"Darf ich fragen, was Sie in dem Käfig da haben?" frage ich an Ende des Interviews.
Sie zieht den Schleier herunter. In dem altmodischen Käfig sitzt ein alter, zerzauster und tiefschwarzer
Rabe und starrt mich mit gelben Augen an.
"Das ist Nero", erklärt die neue BSFH streng. "Ich stelle als Bedingung, daß ich ihn
mit in mein Büro bringen darf. Er langweilt sich so zuhause."
Kann ich mir gut vorstellen. Der Rabe blinzelt mir zu und ich blinzele zurück.
"Gratulation", sage ich. "Sie haben einen neuen Job."
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